Zwischen Präsenz und Zurückhaltung, Eigensinn und Anpassung: Armin Mueller- Stahl gehört zu jenen Darstellern, die sich nie ganz festlegen lassen. Seine Figuren wirken oft kontrolliert, fast unauffällig – und entfalten gerade daraus ihre Tiefe. Ob im Kino der DDR, im westdeutschen, später europäischen Autorenfilm oder in Hollywoodproduktionen. Anlässlich der Ausstellung Film.Stills folgen wir in einer zweiteiligen Retrospektive einem Schauspieler, dessen Weg von Brüchen geprägt ist und gerade dadurch Kontinuität gewinnt, und zeigen ein Werk, das statt auf große Gesten lieber auf feine Verschiebungen setzt.
Armin Mueller-Stahl Schauspieler zwischen den Welten
Was zeichnet eigentlich einen Schauspieler aus? Ist es die Fähigkeit, in andere Leben zu schlüpfen? Die Kunst der Verwandlung? Oder vielleicht etwas anderes, das schwerer fassbar scheint – Figuren glaubwürdig zu gestalten, ohne sich dabei selbst in ihnen aufzulösen? Armin Mueller- Stahl gehört zu jenen Darstellern, bei denen sich diese Frage immer wieder neu stellt. Seine Figuren wirken oft so, als trügen sie mehr in sich, als sie preisgeben. Manchmal bedarf es nur einer Kleinigkeit – eines Blicks, einer Pause oder einer leichten Verschiebung der Stimme – und es eröffnet sich eine zweite Ebene. Das Geheimnis seines Spiels liegt nicht in großen Gesten, sondern in sensibler Genauigkeit.
Geboren 1930 in Tilsit, wächst Mueller-Stahl in einer Zeit großer Umbrüche auf, die auch seine künstlerische Laufbahn prägen. Zunächst studiert er Violine und beginnt, sich für verschiedene Ausdrucksformen wie Malen, Schreiben und Zeichnen zu interessieren. Sein Weg führt ihn ins Theater, bald darauf auch zum Film. In den 1960er-Jahren wird er zu einem der prägendsten Gesichter der DEFA. So unterschiedlich seine Rollen – in historischen Stoffen oder Gegenwartsfilmen – sind, wirken seine Figuren oft nachdenklich, manchmal widersprüchlich, immer aberlebendig in ihren inneren Spannungen. 1976 zählt er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns – und erhält daraufhin Berufsverbot. Während sein letzter Kinofilm in der DDR den bezeichnenden Titel DIE FLUCHT trägt, wird sein Ausreiseantrag erst 1980 genehmigt.
Im Westen gelingt dem etablierten Schauspieler ein Neuanfang. Bald arbeitet er mit internationalen Größen wie István Szabó, Costa-Gavras, Jim Jarmusch oder David Cronenberg und wird zu einem der wenigen deutschen Schauspieler mit einer kontinuierlichen internationalen Karriere. Vom Intellektuellen über den Patriarchen bis zum Künstler oder Außenseiter reichen die Figuren, die er verkörpert. 1997 erhält er eine Oscar-Nominierung für seine Darstellung in SHINE. Parallel dazu bleibt sein Interesse an anderen Künsten lebendig. Seine Gemälde werden international ausgestellt, seine Zeichnungen und Texte in mehreren Büchern veröffentlicht.
Vielleicht lässt sich die Frage vom Anfang ja so beantworten: Ein großer Schauspieler vermag es, sein Publikum glauben zu lassen, dass hinter jeder Rolle ein eigenes Leben existiert. Er besitzt die Fähigkeit, Komplexität ohne Pathos sichtbar zu machen. Anders gesagt: Armin Mueller-Stahl spielt selten laut, bleibt aber gerade deshalb lange im Gedächtnis.
von Florian Widegger
Die Retrospektive wird im Juni fortgesetzt.