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Retrospektive
Das Auge des Kinos: Fritz Lang #1 Filme 1919–1933

»Welch ein Glück, in Lang einen Autor zu haben, dessen Kinoanfänge fast mit den Anfängen des Kinos identisch sind, ein individueller Werdegang, der eng verflochten ist wir dem 1890 in Wien geborenen Regisseur bis Dezember eine fast vollständige Retrospektive in drei Teilen, die von den expressiven Bilderwelten der Stummfilmzeit über die goldene Ära mit den entscheidenden Entwicklungsetappen eines neuen Mediums«, stellt Frieda Grafe ihrer Analyse des Werks von Fritz Lang voran. Anlässlich seines 50. Todestags am 2. August widmen Hollywoods bis hin zum deutschen Wirtschaftswunderkino reicht und zur (Wieder-)Entdeckung Langs als ästhetischen Visionär sowie als gesellschaftlichen Seismographen einlädt.

Menschen und Mächte

Es gibt wohl kaum einen anderen Regisseur, der die Moderne so konsequent als Kampf um Ordnung begriffen hat wie Fritz Lang. Denkt man an seine berühmten Filme aus der Zeit der Weimarer Republik, so kommen einem Begriffe wie Großstädte, Menschenmassen und technische Utopien in den Sinn – und gleichzeitig auch die Erkenntnis, dass die errichteten Systeme, je ausgefeilter sie sind, umso unkontrollierbarer werden. Zwischen DIE SPINNEN (1919) und DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE (1933) entwirft er das Panorama einer Moderne, deren Fortschrittsversprechen stets mit Unsicherheit verbunden ist.

Über biografische Details schweigt sich Lang im Laufe seines Lebens recht konsequent aus. Und wenn er doch einmal darauf zu sprechen kommt, so sind seine Angaben unzuverlässig. Ein guter Geschichtenerzähler fängt eben bei sich selbst an. Sein Architektur- und Malereistudium führt ihn von Wien über München bis nach Paris, von wo er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder zurück in seine Heimatstadt muss. Noch vor Kriegsende zieht Lang, der zweimal verwundet wurde, nach Berlin, wo er bei den Produzenten Erich Pommer und – kurzzeitig – Joe May Anstellung als Autor und Regisseur findet. Die ersten (erhaltenen) Filme atmen dabei noch ganz die Luft des seriellen Kinos der 1910er-Jahre, das auf Attraktion und Schauwerte fokussiert. Mit DER MÜDE TOD (1921) schließlich tritt jener Lang hervor, dessen Handschrift fortan unverwechselbar ist. Hinter der märchenhaften Erzählung verbirgt sich ein weiteres, großes Thema, das sein gesamtes Werk durchzieht: Der Mensch im Ringen mit einer Macht, die größer ist als er selbst.

Wobei das »Schicksal« (wenn man es so nennen möchte) bei Lang keine göttliche Instanz ist, sondern sich als ein undurchdringliches Geflecht von übergeordneten Kräften entpuppt, denen sich seine Figuren vergeblich zu entziehen versuchen. Der romantische Fatalismus des Films findet sich in anderer Form auch in den futuristischen Visionen von METROPOLIS oder der düsteren Großstadtwelt von M wieder. Zunehmend verlagert sich Lang von mythischen Stoffen hin zur Gegenwart. Zwar greift er in DIE NIBELUNGEN noch einmal auf ein deutsches Sagenepos zurück, mehr als an der Legende scheint ihn aber die Architektur von Macht und Herrschaft zu interessieren. Später wird die moderne Gesellschaft zum eigentlichen Schauplatz seiner Filme. Im Gespann mit seiner Drehbuchautorin und Ehefrau Thea von Harbou beobachtet er diese Moderne mit fast soziologischem Blick, ohne dabei die metaphysische Dimension aus den Augen zu verlieren. Diese Verbindung macht die erste Schaffensphase Langs heute wieder ganz besonders faszinierend: Wir vermögen unsere Welt zwar immer mehr zu gestalten, aber niemals vollständig zu beherrschen.
(Florian Widegger)

Do, 10. Sep. - Di, 6. Okt.