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Retrospektive
Chantal Akerman Filme 1967–1993

Radikal, hypnotisch, feministisch – das sind nur drei Begriffe, die den Arbeiten Chantal Akermans zugeschrieben werden. So zutreffend sie sein mögen – die Gefahr ist groß, dadurch ihren unverwechselbaren Blick einzuschränken, mit dem die belgische Ausnahmekünstlerin wie niemand vor ihr Frauen, ihre Körper, ihre Arbeit und ihre Beziehungen ins Zentrum ihres filmischen Werks rückt. Damit hat sie das Kino nicht nur von gewohnten Mustern befreit, sondern neu definiert.

1950 als Tochter polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender geboren, wächst sie im Schatten einer lange verschwiegenen Vergangenheit auf, die ihr Leben und ihre Arbeit prägen wird. Mit 15 Jahren sieht sie erstmals Jean-Luc Godards PIERROT LE FOU – ein Erweckungserlebnis, das den Entschluss reifen lässt, selbst Filmemacherin zu werden. An der Brüsseler Filmhochschule bleibt sie nicht lange, macht aber mit ihrem ersten Kurzfilm SAUTE MA VILLE auf sich aufmerksam. In dieser verspielten Miniatur ist bereits das Wesentliche ihres späteren Schaffens angelegt: das Spiel mit Zeit und Wiederholung, die Spannung zwischen Intimität und Distanz und die Konzentration aufs vermeintlich Banale. Mit 20 zieht sie nach New York, wo sie die strukturellen Filme von Michael Snow und Jonas Mekas beeindrucken. Deren experimentelle Formen verbindet sie mit ihrer eigenen Sensibilität für menschliche Beziehungen und Alltagserfahrungen.

Entscheidend ist Akermans Verhältnis zur Zeit. Wo das klassische Kino diese verdichtet und beschleunigt, dehnt Akerman sie aus. Sie vermisst Räume nicht in Metern, sondern in Dauer – am eindrücklichsten in JEANNE DIELMAN, dessen minutiöse Beobachtung die sonst unsichtbare Hausarbeit einer Frau sichtbar macht. Ein Film, der Geduld verlangt und dafür mit Intensität belohnt. Das Gefühl des Entwurzeltseins nimmt einen ebenso wichtigen Stellenwert bei ihr ein wie die Verschränkung von Geschichte und politischer Wirklichkeit – etwa im großartigen D’EST, wo Gesichter und Landschaften des postkommunistischen Osteuropas, der Gegend ihrer Vorfahren, zu Erinnerungsräumen eines Kontinents werden. Dazwischen liegt das knallige Pop-Musical GOLDEN EIGHTIES – nur an der Oberfläche ein Bruch mit dem Bisherigen, denn auch hier geht es um Begehren und Einsamkeit.

Lange bevor Begriffe wie Feminismus oder Identitätspolitik das Kino nachhaltig veränderten, hat Akerman eine Form gefunden, davon zu erzählen, ohne sich auf Thesen zu reduzieren. Dass ihr Werk sich Moden entzieht, lässt es gegenwärtig bleiben. Es erinnert daran, dass Kino nicht nur Geschichten erzählen, sondern unsere Wahrnehmung verändern kann – indem es uns zwingt, genauer hinzusehen.
(Florian Widegger)

Mi, 7. Okt. - Do, 5. Nov.
Mi, 7.10., 18:00
Chantal Akerman
Frühe Kurzfilme
Ein filmischer Dreiklang über das Suchen und Finden einer wortlosen Sprache. In SAUTE MA VILLE sehen wir ein 18-jähriges Mädchen (Akerman), das in einer Küche alltägliche Dinge tut, aber auf immer verrücktere Art und Weise. Die Situation eskaliert, am Schluss: eine Explosion. Zwei Jahre lang lag der Film im Labor, dann gelangte er ans belgische Fernsehen, wo er nach einer Ausstrahlung zum Überraschungserfolg wurde. Ganz anders dann LA CHAMBRE, eine Art Reverenz an Michael Snow in drei Kameraschw
Do, 8.10., 17:30
Chantal Akerman
Je tu il elle
Bis heute besticht Chantal Akermans erster Langspielfilm durch seine filmische wie politische Radikalität in Bezug auf sexuelle Identität/en: In drei Episoden gegliedert sehen wir (tu) zunächst eine junge Frau (je, die Regisseurin selbst) zurückgezogen in einem Zimmer. Sie schreibt Liebesbriefe, die sie wieder zerreißt, löffelt wie eine Maschine Zucker aus einer Tüte. Irgendwann begibt sie sich hinaus in die Welt, wo sie auf einen Fernfahrer (il) trifft, der sie nach schnellem Sex zu ihrer ehema
Fr, 9.10., 18:30
Chantal Akerman
Les Rendez-vous d'Anna
Unterwegs zu sein bedeutet für Chantal Akermans Figuren selten, irgendwo anzukommen. Anna, eine Filmemacherin auf der Reise durch Deutschland, Belgien und Frankreich, zieht von Hotel zu Hotel, von Bahnhof zu Bahnhof, begegnet Fremden, ehemaligen Geliebten und schließlich ihrer Mutter. Doch jede dieser Begegnungen verspricht lediglich für einen Moment Nähe, ohne sie wirklich herstellen zu können … Das Porträt einer Nomadin, überall präsent und nirgends zuhause, deren Aufenthaltsorte ebenso provis
Sa, 10.10., 19:30
Chantal Akerman
Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles
2022 lud die Filmzeitschrift Sight and Sound wie alle zehn Jahre zur großen Umfrage, die 100 besten Filme aller Zeiten zu ermitteln. Auf Platz 1 fand sich – zur Überraschung vieler – Chantal Akermans radikale wie bahnbrechende Schilderung dreier (vermeintlich) ereignisloser Tage im Leben der verwitweten, 40-jährigen Jeanne Dielman. Zwischen der Verrichtung alltäglicher Arbeiten wie Staubwischen oder Abwaschen findet auch die gelegentliche Prostitution, der sie in ihrer Wohnung nachgeht, Platz in
So, 11.10., 19:00
Chantal Akerman
Golden Eighties
Singen und Tanzen nimmt in Akermans Œuvre schon seit dem ersten Kurzfilm SAUTE MA VILLE einen besonderen Stellenwert ein – GOLDEN EIGHTIES bündelt ihre Faszination zu einer Hommage an die klassischen Hollywood-Musicals, die gleichzeitig auch ein Spiel mit deren Konventionen darstellt. Angesiedelt in einer unterirdischen Shopping Mall, die aus wenig mehr als einem Friseursalon, einer Boutique und einem Café besteht, kreuzen sich Liebesgeschichten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, die immer wieder i
Mo, 12.10., 18:00
Chantal Akerman
Histoires d'Amérique. Food, Family and Philosophy
Geschichte lebt so lange fort, wie sie erzählt wird. Schauplatz: eine nächtliche Uferpromenade in New York. Männer und Frauen treten vor die Kamera, berichten von Flucht, Emigration, Glauben, Liebe und Verlust. Manche ihrer Geschichten sind komisch, andere schmerzhaft, viele irgendwie beides. Inspiriert von der Welt Isaac Bashevis Singers verbindet Akerman jiddischen Humor mit den Erfahrungen der jüdischen Diaspora und fragt, wie Erinnerung über Generationen weitergegeben werden kann. Die statis
Di, 13.10., 17:00
Chantal Akerman
News from Home
Bei Chantal Akerman ist New York nicht der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern ein Raum der Distanz: Die Kamera streift durch die Straßen, U-Bahnwaggons und Industrieviertel der Stadt, deren Mythos sich auflöst. Darüber legt sich ihre Stimme, die aus Briefen ihrer Mutter zuhause in Brüssel vorliest: Alltägliches, kleine Nachrichten, Sorgen und Bitten. Die Gegenüberstellung von Bild und Text erzeugt Distanz. Zwischen Europa und Amerika, vor allem aber zwischen dem Gefühl von Ankommen und
Mi, 14.10., 18:30
Chantal Akerman
Toute une nuit
Eine Sommernacht in Brüssel. Menschen verlassen Wohnungen, warten vor Haustüren, fallen einander in die Arme oder gehen wortlos auseinander. Die flüchtigen Begegnungen verwebt Akerman zu einer nuancierten Partitur aus Blicken, Gesten, Bewegungen. Dialoge treten dabei in den Hintergrund, stattdessen bestimmen Schritte, Musikfetzen und Geräusche den Rhythmus. Jede Szene scheint immer nur einen einzigen Augenblick festzuhalten – den Moment, in dem Begehren, Hoffnung oder Enttäuschung sichtbar werde
Fr, 16.10., 20:30
Chantal Akerman
Frühe Kurzfilme
Ein filmischer Dreiklang über das Suchen und Finden einer wortlosen Sprache. In SAUTE MA VILLE sehen wir ein 18-jähriges Mädchen (Akerman), das in einer Küche alltägliche Dinge tut, aber auf immer verrücktere Art und Weise. Die Situation eskaliert, am Schluss: eine Explosion. Zwei Jahre lang lag der Film im Labor, dann gelangte er ans belgische Fernsehen, wo er nach einer Ausstrahlung zum Überraschungserfolg wurde. Ganz anders dann LA CHAMBRE, eine Art Reverenz an Michael Snow in drei Kameraschw
Sa, 17.10., 15:00
Chantal Akerman
Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles
2022 lud die Filmzeitschrift Sight and Sound wie alle zehn Jahre zur großen Umfrage, die 100 besten Filme aller Zeiten zu ermitteln. Auf Platz 1 fand sich – zur Überraschung vieler – Chantal Akermans radikale wie bahnbrechende Schilderung dreier (vermeintlich) ereignisloser Tage im Leben der verwitweten, 40-jährigen Jeanne Dielman. Zwischen der Verrichtung alltäglicher Arbeiten wie Staubwischen oder Abwaschen findet auch die gelegentliche Prostitution, der sie in ihrer Wohnung nachgeht, Platz in
Sa, 17.10., 20:30
Chantal Akerman
D'Est
Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks reist Chantal Akerman durch die ehemalige DDR, Polen, die Ukraine und Russland. Ohne Kommentar, Interviews oder erklärende Zwischentitel beobachtet sie die Menschen dort beim Arbeiten, Gehen, Warten. Lange Kamerafahrten und Einstellungen machen Landschaften und Gesichter zu gleichwertigen Zeugnissen einer Welt im Umbruch, eingeschrieben in die Körperhaltungen, Blicke und Routinen. D’EST ist ein aufmerksamer, humanistischer Dokumentarfilm, in dem die Gesc
So, 18.10., 18:00
Chantal Akerman
Les Rendez-vous d'Anna
Unterwegs zu sein bedeutet für Chantal Akermans Figuren selten, irgendwo anzukommen. Anna, eine Filmemacherin auf der Reise durch Deutschland, Belgien und Frankreich, zieht von Hotel zu Hotel, von Bahnhof zu Bahnhof, begegnet Fremden, ehemaligen Geliebten und schließlich ihrer Mutter. Doch jede dieser Begegnungen verspricht lediglich für einen Moment Nähe, ohne sie wirklich herstellen zu können … Das Porträt einer Nomadin, überall präsent und nirgends zuhause, deren Aufenthaltsorte ebenso provis
So, 18.10., 21:00
Chantal Akerman
Je tu il elle
Bis heute besticht Chantal Akermans erster Langspielfilm durch seine filmische wie politische Radikalität in Bezug auf sexuelle Identität/en: In drei Episoden gegliedert sehen wir (tu) zunächst eine junge Frau (je, die Regisseurin selbst) zurückgezogen in einem Zimmer. Sie schreibt Liebesbriefe, die sie wieder zerreißt, löffelt wie eine Maschine Zucker aus einer Tüte. Irgendwann begibt sie sich hinaus in die Welt, wo sie auf einen Fernfahrer (il) trifft, der sie nach schnellem Sex zu ihrer ehema
Di, 20.10., 18:00
Chantal Akerman
Golden Eighties
Singen und Tanzen nimmt in Akermans Œuvre schon seit dem ersten Kurzfilm SAUTE MA VILLE einen besonderen Stellenwert ein – GOLDEN EIGHTIES bündelt ihre Faszination zu einer Hommage an die klassischen Hollywood-Musicals, die gleichzeitig auch ein Spiel mit deren Konventionen darstellt. Angesiedelt in einer unterirdischen Shopping Mall, die aus wenig mehr als einem Friseursalon, einer Boutique und einem Café besteht, kreuzen sich Liebesgeschichten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, die immer wieder i
Mi, 21.10., 17:00
Chantal Akerman
News from Home
Bei Chantal Akerman ist New York nicht der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern ein Raum der Distanz: Die Kamera streift durch die Straßen, U-Bahnwaggons und Industrieviertel der Stadt, deren Mythos sich auflöst. Darüber legt sich ihre Stimme, die aus Briefen ihrer Mutter zuhause in Brüssel vorliest: Alltägliches, kleine Nachrichten, Sorgen und Bitten. Die Gegenüberstellung von Bild und Text erzeugt Distanz. Zwischen Europa und Amerika, vor allem aber zwischen dem Gefühl von Ankommen und
Mi, 21.10., 19:00
Chantal Akerman
Toute une nuit
Eine Sommernacht in Brüssel. Menschen verlassen Wohnungen, warten vor Haustüren, fallen einander in die Arme oder gehen wortlos auseinander. Die flüchtigen Begegnungen verwebt Akerman zu einer nuancierten Partitur aus Blicken, Gesten, Bewegungen. Dialoge treten dabei in den Hintergrund, stattdessen bestimmen Schritte, Musikfetzen und Geräusche den Rhythmus. Jede Szene scheint immer nur einen einzigen Augenblick festzuhalten – den Moment, in dem Begehren, Hoffnung oder Enttäuschung sichtbar werde
Do, 5.11., 17:30
Chantal Akerman
Histoires d'Amérique. Food, Family and Philosophy
Geschichte lebt so lange fort, wie sie erzählt wird. Schauplatz: eine nächtliche Uferpromenade in New York. Männer und Frauen treten vor die Kamera, berichten von Flucht, Emigration, Glauben, Liebe und Verlust. Manche ihrer Geschichten sind komisch, andere schmerzhaft, viele irgendwie beides. Inspiriert von der Welt Isaac Bashevis Singers verbindet Akerman jiddischen Humor mit den Erfahrungen der jüdischen Diaspora und fragt, wie Erinnerung über Generationen weitergegeben werden kann. Die statis
Do, 5.11., 19:30
Chantal Akerman
D'Est
Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks reist Chantal Akerman durch die ehemalige DDR, Polen, die Ukraine und Russland. Ohne Kommentar, Interviews oder erklärende Zwischentitel beobachtet sie die Menschen dort beim Arbeiten, Gehen, Warten. Lange Kamerafahrten und Einstellungen machen Landschaften und Gesichter zu gleichwertigen Zeugnissen einer Welt im Umbruch, eingeschrieben in die Körperhaltungen, Blicke und Routinen. D’EST ist ein aufmerksamer, humanistischer Dokumentarfilm, in dem die Gesc