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Retrospektive
Claudia Cardinale – Die Ungezähmte Die Ungezähmte

Das Märchen von den Schauspielerinnen, die zufällig entdeckt und zu großen Stars werden, ist so alt wie das Kino selbst. Im Fall von Claudia Cardinale ist es wahr: 1938 in Tunis als Tochter sizilianischer Auswanderer geboren, gelangt sie über Umwege zum Film. Eigentlich will sie mit Anfang 20, als sie von der italienischen Filmszene erstmals umworben wird, nichts anderes als ein ruhiges Leben außerhalb des Scheinwerferlichts führen. Dass es anders kommt, hat mit einer ungeplanten Schwangerschaft, der Unabhängigkeit ihres Geburtslands und einem verliebten Produzenten zu tun, der ihr einen Neuanfang ermöglicht.

Diese Erfahrungen prägen auch ihre ersten Rollen: Wo andere Schauspielerinnen Objekte männlicher Begierde darstellen, bringt sie eine innere Stärke und Eigenwilligkeit auf die Lein- wand, die ihre Figuren selbst dann noch ausmachen, wenn sie gesellschaftlichen Zwängen unterworfen sind. Innerhalb kurzer Zeit arbeitet sie mit den bedeutendsten Regisseuren ihrer neuen Heimat zusammen. Dass sie dabei wegen ihres rauen Timbres und starken Akzents in den ersten Jahren synchronisiert wird, hat Folgen: Das Silberne Band, mit dem sie für ihre erste Hauptrolle in Zurlinis LA RAGAZZA CON LA VALIGIA ausgezeichnet wird, muss sie wieder abgeben. Erst in Federico Fellinis 8½ ist sie erstmals in Italien mit ihrer eigenen Stimme zu hören. Im selben Jahr steht sie auch in Luchino Viscontis IL GATTOPARDO vor der Kamera, wo sie zur Verkörperung einer gesellschaftlichen Zeitenwende wird.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, auch das amerikanische Kino zu erobern. Ihr Auftritt in der Komödie THE PINK PANTHER markiert dazu den gelungenen Anfang. Auffällig ist weiterhin, wie sich Cardinale selbst in Filmen voller überlebensgroßer Männergestalten behauptet, am deutlichsten sichtbar in Sergio Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST / SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, wo sie eine der stärksten Frauen des Westernkinos verkörpert. Selten sind ihre Figuren eindeutig, sondern bewegen sich zwischen Anpassung und Aufbegehren, gesellschaftlicher Rolle und Freiheitsdrang. Das macht sie bis heute ungebrochen modern.

»Man kann zwar die Zeit nicht anhalten, aber man kann aktiv bleiben, nicht aufhören zu arbeiten; dann braucht man keine Schönheitsoperation«, so die Schauspielerin 2012. Anlässlich ihres ersten Todestages im September blicken wir zurück auf das Werk einer jener seltenen Künstlerinnen, bei denen Charisma und Können untrennbar ineinander übergehen – und die zu einer der prägendsten Figuren des europäischen Kinos wurde, deren Ausstrahlung auch Jahrzehnte nach ihrem Durchbruch nichts von ihrer Kraft verloren hat.
(Florian Widegger)

Mit großzügiger Unterstützung durch das Istituto Italiano di Cultura, Wien

Do, 10. Sep. - Di, 6. Okt.