Sollte Aida noch Illusionen gegenüber der Männerwelt hegen, so versteht ihr Gspusi Marcello es ausgezeichnet, diese zu zerstören. Mit Versprechungen auf ein besseres Leben hat er sie gelockt und lässt sie nach ein paar Tagen mit ihrem Koffer einfach auf der Straße stehen. Zu Fuß macht sie sich auf den Weg zu seinem Familienanwesen, wo sie seinen 16-jährigen Bruder trifft, der von ihrer unbekümmerten Art sofort verzaubert ist. Was als zarte Annäherung beginnt, wird zur präzisen wie schmerzhaften Gesellschaftsanalyse, in der Sehnsucht und Enttäuschung nahe beieinander liegen. In ihrer ersten großen Hauptrolle vereint Cardinale Sinnlichkeit, Spontaneität und Melancholie zu einem lebensnahen Frauenporträt, das die Versprechungen des italienischen Wirtschaftswunders hinterfragt.
(Florian Widegger)