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Retrospektive
History of Horror #2 »Das Übersinnliche«

Was sich unserer Wahrnehmung entzieht, wissenschaftlich nicht erklärbar ist und dennoch Spuren hinterlässt, nennen wir das Übersinnliche. Gerade im Horrorkino nimmt es viele Gestalten an und begegnet uns als Geist, als Fluch, als unsichtbare Macht, die in das Sichtbare eingreift. Während wir im ersten Teil unserer Reise durch den Horrorfilm jenem Unheimlichen nachspürten, das im Vertrauten wurzelt, öffnet unser zweites Kapitel den Blick auf eine andere Ordnung – eine, die sich rationalen Erklärungen entzieht und gerade deshalb so beunruhigt. Das Übersinnliche konfrontiert uns mit der Möglichkeit, dass die Welt mehr ist als das, was wir sehen, hören, berühren können, und dass hinter den Dingen Kräfte wirken, die sich unserem Zugriff entziehen.

Seine Faszination liegt dabei weniger im Schock als im Staunen. Das Übersinnliche verspricht eine Erweiterung der Wirklichkeit – wenn man so will –, eine Grenzüberschreitung. Es lässt Tote sprechen, die Zeit aus den Fugen geraten, Körper ihre Stabilität verlieren. Identitäten werden durchlässig, Räume verwandeln sich gewissermaßen in Schwellenzonen zwischen Dies- und Jenseits. Das sind die Momente, in denen die Ordnung ins Wanken gerät – und mit ihr unser Vertrauen in Wahrnehmung und Gewissheit. Das Kino ist für diese Erfahrungen ein besonders geeigneter Ort. Von Beginn an haftet ihm selbst etwas Geisterhaftes an: bewegte Schatten aus Licht, Stimmen ohne Körper, vergangene Momente, die in der Projektion wieder gegenwärtig werden. Film konserviert Zeit und belebt sie zugleich neu, macht Abwesendes sichtbar und hält Vergangenes präsent. In diesem Sinne gleicht jede Vorführung einer Séance, einem Spiel mit Erscheinung und Illusion – ohne, dass man dafür an das Übersinnliche glauben müsste.

Die ausgewählten Filme erkunden das Übersinnliche in unterschiedlichen Ausprägungen: als religiöse Vision, folkloristische Überlieferung, psychische Projektion oder als metaphysische Störung unserer Welt. Sie zeigen Besessenheit und Erlösung, Fluch und Verheißung, Übergänge und jede Menge Grenzerfahrungen. Ihre Formen reichen von suggestiver Andeutung bis zur expliziten Manifestation: Mal bleibt das Jenseitige unsichtbar und entfaltet seine Wirkung im Off, mal scheint es mit aller Gewalt ins Bild einbrechen zu wollen. So entsteht ein Kino, das nicht nur erschreckt, sondern auch fasziniert: durch die Vorstellung einer Welt, die größer und rätselhafter ist, als wir sie im Alltag wahrnehmen. Vielleicht liegt gerade darin seine anhaltende Anziehungskraft.
von Florian Widegger

Im Juni beenden wir unsere Reisen durch die Geschichte des Horrorfilms unter dem Motiv »Das Bedrohliche«.

Do, 7. Mai - Mi, 3. Juni