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Retrospektive
Im Osten viel Neues. Filmgeschichte(n) aus der DDR

Als am 17. Mai 1946 die Deutsche Film-AG, kurz DEFA, in Potsdam-Babelsberg gegründet wird, beginnt ein einzigartiges Kapitel europäischer Filmgeschichte. In den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entsteht ein Kino, das nicht nur zur Ablenkung und Unterhaltung dienen möchte, sondern sich als Labor gesellschaftlicher Selbstverständigung, als ein Ort politischer, ästhetischer und moralischer Auseinandersetzung begreift. 80 Jahre später bietet dieses Jubiläum Anlass, Rückschau zu halten – auf ein Werk, das sich einfachen Einordnungen entzieht.

Von Beginn an oszillieren die DEFA-Filme zwischen Auftrag und Eigensinn. Frühe Produktionen greifen Fragen von Schuld, Neuanfang und gesellschaftlicher Ordnung auf, engagiert im Ton, realistisch in der Zeichnung. Schon bald erweitert sich das Spektrum: Literaturverfilmungen, Märchenstoffe, Komödien, Western, Science-Fiction oder Melodram stehen nebeneinander als Ausdruck eines Kinos, das sich zugleich an ein breites Publikum richtet und dabei immer wieder nach neuen Formen sucht. Die Geschichte des Studios verläuft dabei keineswegs geradlinig. Auf Phasen relativer Offenheit folgen kulturpolitische Eingriffe, wie etwa das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED Ende 1965, als Folge dessen zahlreiche bereits fertiggestellte Filme verboten werden und bis zum Ende der DDR im Giftschrank verschwinden. Bis heute zeugen diese sogenannten »Kaninchenfilme« von einem kurzen Moment künstlerischer Freiheit – und seiner abrupten Begrenzung. Dennoch entstehen auch danach Filme, die mit großer Beharrlichkeit von individuellen Erfahrungen erzählen und Alltagswidersprüche sichtbar machen.

Was diese Filme verbindet, ist weniger ein einheitlicher Stil, als eine gemeinsame Haltung: der Versuch, Wirklichkeit nicht bloß abzubilden, sondern zu befragen. Oft geschieht dies mit überraschender Leichtigkeit – im Gewand eines Musicals, einer Love-Story oder eines Genrefilms. Heute, Jahrzehnte nach dem Ende der DDR, erfahren die Filme der DEFA eine neue Aufmerksamkeit, die über »ostalgische« Gefühle hinausgeht durch Restaurierungen und Veröffentlichungen im internationalen Heimkino. Dass sie auch außerhalb ihres ursprünglichen Kontexts auf Interesse stoßen, hat viele Gründe: ihre visuelle Eigenständigkeit, ihre thematische Offenheit und nicht zuletzt der unverstellte Blick auf eine Gesellschaft, die zugleich fern und vertraut erscheint. Vielleicht liegt ihre Aktualität genau darin: In unserer Gegenwart, die selbst von Umbrüchen geprägt ist, erzählen diese Filme von Anpassung und Aufbegehren, von kollektiven Idealen und persönlichen Geschichten.
(Florian Widegger)

Auch in unserer Reihe Kinder Kino Klassiker präsentieren wir diesen Monat drei außergewöhnliche Filme aus den DEFA-Studios

Do, 7. Mai - Mi, 3. Juni