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Retrospektive
History in Motion Ungarisches Kino 1956–2026

Selten spiegelt sich die politische Geschichte eines Landes so unmittelbar in seiner Filmgeschichte wider wie im Fall Ungarns. Die Revolution Ende Oktober 1956 markiert einen Wendepunkt, der das ungarische Kino in seine Blütezeit führt. 2026 steht das Land wieder vor einem tiefgreifenden Wandel, nicht zuletzt aufgrund der Neuausrichtung des politischen Systems nach 16 Jahren Orbán. Anlass genug, sich heute zu fragen, welche Spuren die vergangenen 70 Jahre im – hierzulande ohnedies viel zu wenig bekannten – Kino unseres östlichen Nachbarlandes hinterlassen haben. Unsere Schau wirft einen Gegenwartsblick auf politische und künstlerische Zeitdokumente: subjektive und intime Beobachtungen der Gesellschaft eines Landes, das als Epizentrum radikaler Umbrüche eine Dichte generationsübergreifender Traumata aufweist, in denen sich auch Jahrzehnte später die Instabilität – und gleichzeitig die Kraft – des Kollektivs abzeichnet.

Den Ausgangspunkt bildet Zoltán Fábris MERRY-GO-ROUND, eine kraftvolle Liebesgeschichte, die im Jahr der Revolution mit beeindruckender Filmsprache zum Vorboten einer neuen künstlerischen Freiheit wird. Wenig später entwickeln sich, vom Modernisierungsrausch der 1960er-Jahre erfasst, auch in Ungarn neue Strömungen im Kino – an deren Spitze Miklós Jancsó steht, dessen ritualisierte minutenlange Plansequenzen zu seinem Markenzeichen werden. Filmemacherinnen wie Márta Mészáros, bekannt für ihre autobiografische Tagebuch-Trilogie, oder die (wieder) zu entdeckende Judit Elek, rücken im Zuge der Veränderungen nach 1968 tabuisierte Themen rund um Frauen und ihre Lebensrealitäten in den Fokus. Parallel dazu suchen Regisseure wie Károly Makk oder Zoltán Huszárik in eskapistischen Narrativen Zuflucht und versinken auf individuelle Weise in Erinnerungen.

In den 1980ern fördert der Staat das Autorenkino nur, soweit es seiner kulturellen Selbstdarstellung nach außen nützt und nicht zu offensichtlich Kritik an den Zuständen übt. Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ändert sich diese Rolle grundlegend: Populäre Erzählformen und Genrefilme erleben ein Comeback, die Tradition des Autorenfilms besteht zugleich fort. Exemplarisch dafür stehen das surreale U-Bahn-Stakkato KONTROLL und Béla Tarrs finstere Weltuntergangsvision A TORINÓI LÓ. Immer wieder erzählt das ungarische Kino von Menschen, die sich zu einer Gesellschaft verhalten müssen, deren Regeln sich verändern: MAGYARÁZAT MINDENRE zeigt schließlich mit scharfem Blick ein tief gespaltenes Land – das eindrückliche Filmdokument einer Gegenwart, in der politische Konflikte längst bis in Schule, familiären Alltag und persönliche Beziehungen reichen.
(Fruzsina Vajda)

Die Retrospektive findet mit freundlicher Unterstützung des National Film Institute Hungary und des Collegium Hungaricum Wien statt.

Di, 10. Nov. - Do, 3. Dez.