➜ edit sg_034SZG5QLYqMQl64AJ3Nzh
Retrospektive
Universum Jelinek

»Ich hoffe, das interessiert wen …« Viel mehr hatte Elfriede Jelinek zu ihrer kleinen filmischen Würdigung anlässlich ihres 80. Geburtstags nicht zu sagen. Ein Satz, der ebenso beiläufig wie programmatisch klingt: selbstironisch, skeptisch und vielleicht auch ein wenig misstrauisch gegenüber der Vorstellung, sich feiern zu lassen. Dabei gäbe es – auch abseits des Jubiläums – durchaus Anlass dazu. Jelinek gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart, erhält 2004 den Nobelpreis für Literatur und seziert mit ihren Romanen, Theaterstücken und Essays die österreichische Nachkriegsgesellschaft wie kaum eine andere. Dass ihre Spuren dabei immer wieder ins Kino führen, ist weit mehr als ein Nebenschauplatz ihres Werks.

Denn Jelineks Texte arbeiten mit Stimmen, Bildern, Wiederholungen, Brüchen und Montagen. Sie legen offen, wie Sprache Wirklichkeit nicht bloß beschreibt, sondern sie vielmehr herstellt. All das macht ihre Literatur nicht automatisch »filmisch« – im Gegenteil: Jelineks Sprache ist eigensinnig und widerständig gegenüber jeder eindeutigen Übersetzung in Bilder. Aber vielleicht sind gerade deshalb ihre Texte für das Kino so reizvoll. Ihre Romane sind mehrfach Ausgangspunkt bemerkenswerter Filme: DIE AUSGESPERRTEN zeichnet aus der verdrängten österreichischen Vergangenheit ein düsteres Gesellschaftsbild; Michael Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN überführt die beklemmende Innenwelt der Vorlage in eine kühle, körperliche Filmsprache. Mit LIEBHABERINNEN der jungen luxemburgischen Künstlerin Koxi steht eine aktualisierte Bearbeitung aus Jelineks Frühwerk kurz vor dem Kinostart – und wird im Rahmen der Retrospektive ebenfalls gezeigt.

Doch Elfriede Jelinek ist im Kino nicht nur Autorin – sie ist auch eine aufmerksame und leidenschaftliche Zuseherin. Ihre Auseinandersetzung mit Filmen folgt dabei ähnlichen Prinzipien wie ihre Literatur: Sie misstraut dem Offensichtlichen, hinterfragt die Macht der Bilder und kann sich zugleich auf sie einlassen. VERTIGO, CARNIVAL OF SOULS und LOST HIGHWAY sind nicht zufällig in diesem Programm: Das sind Filme, an denen sich etwas von jenem Blick ablesen lässt, mit dem Jelinek selbst auf die Welt und ihre Bilder schaut. Und dann ist da noch HEIMKEHR, Gustav Ucickys Propagandafilm, der zu einer der großen Konstanten in Jelineks Arbeit führt, nämlich der Frage, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit verdrängt, um ihre Gegenwart zu ertragen. So begegnet uns eine Autorin, die es vermag, mit ihrem Denken Bilder aus dem Gleichgewicht zu bringen und uns misstrauisch zu machen. Ob das jemanden interessiert? Wir hoffen es sehr!
(Florian Widegger)

Mi, 7. Okt. - Do, 5. Nov.
Mi, 7.10., 17:00
Universum Jelinek
Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen
Feministin, Nobelpreisträgerin, Nestbeschmutzerin: Elfriede Jelinek erhitzt immer wieder die Gemüter, wenn sie gesellschaftliche Missstände anprangert. Claudia Müller widmet sich in ihrem Dokumentarfilm der eindrucksvollen Künstlerin vor dem Hintergrund der politischen Umschwünge Österreichs mit zahlreichen Archivaufnahmen und Originaltexten. Nicht das Abarbeiten biografischer Details steht dabei im Zentrum, sondern die Annäherung an die mitreißende Sprachkunst Jelineks. (Bianca Jasmina Rauch)
Do, 8.10., 20:30
Universum Jelinek
Die Ausgesperrten
Der Krieg ist vorbei, aber seine Gespenster geistern noch immer herum. Zwischen einem kriegsversehrten Vater, den Versprechen des Wirtschaftswunders und der Sehnsucht nach radikaler Selbstbehauptung gründet der Gymnasiast Rainer eine kleine Clique, deren Provokationen zunehmend in Gewalt umschlagen. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie nichts als die autoritären Muster ihrer Elterngeneration, die es sich in der Lebenslüge der Zweiten Republik längst gemütlich gemacht hat, kennen. Franz Novot
Sa, 10.10., 18:30
Universum Jelinek
Liebhaberinnen
Die Liebhaberinnen ist der vierte Roman Jelineks, erschien 1975 und gilt gemeinhin als jener, mit dem die Autorin ihren literarischen Durchbruch feierte. Ein halbes Jahrhundert später übersetzt die luxemburgische Künstlerin Koxi die Vorlage rund um die konträren Lebensentwürfe zweier Frauen – und den Preis, den sie für ihre jeweilige Unfreiheit bezahlen – in die Gegenwart. Beide tragen ihre Haut buchstäblich zu Markte: Während Schülerin Paula als Influencerin nach Aufmerksamkeit heischt, preist
Mo, 12.10., 21:00
Universum Jelinek
Lost Highway Carte blanche
Asphalt unter Scheinwerfern, ein endloser Highway bei Nacht. Dazu David Bowies »I’m Deranged«: sirrend, rastlos, elektrisiert. Eine rauschhafte Eröffnungssequenz wie ein Manifest – Bewegung ohne Ziel, Geschwindigkeit als Zustand. Jazzmusiker Fred Madison empfängt rätselhafte Videobänder von seinem Haus. Jemand scheint ihn heimlich zu beobachten – oder ist er es gar selbst? Nach einem Mord beginnt die Welt zu zerfallen, das Ich löst sich auf und verwandelt sich in einen anderen. Lynch erzählt nic
Mi, 14.10., 20:30
Universum Jelinek
La pianiste
Als Klavierprofessorin genießt Erika Kohut enormes Ansehen. Doch hinter der Fassade bestimmen Kontrolle und Abhängigkeiten ihren Alltag. Ihr Doppelbett teilt sie mit ihrer dominanten Mutter. Eines Tages verliebt sich ein Student in sie – und setzt ein obsessives wie zerstörerisches Machtspiel in Gang … Jelineks Roman bildet den Ausgangspunkt dieses Psychogramms einer Frau, die aus ihrem Gefängnis nicht ausbrechen kann. In streng komponierten Bildern lotet der Film die Gewalt aus, die hinter gese
Do, 15.10., 19:00
Universum Jelinek
Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen
Feministin, Nobelpreisträgerin, Nestbeschmutzerin: Elfriede Jelinek erhitzt immer wieder die Gemüter, wenn sie gesellschaftliche Missstände anprangert. Claudia Müller widmet sich in ihrem Dokumentarfilm der eindrucksvollen Künstlerin vor dem Hintergrund der politischen Umschwünge Österreichs mit zahlreichen Archivaufnahmen und Originaltexten. Nicht das Abarbeiten biografischer Details steht dabei im Zentrum, sondern die Annäherung an die mitreißende Sprachkunst Jelineks. (Bianca Jasmina Rauch)
Fr, 16.10., 18:00
Universum Jelinek
Carnival of Souls Carte blanche
Nach einem Autounfall findet eine junge Frau keinen Anschluss mehr an die Welt der Lebenden. Einkaufszentren, Kirchen und ein verlassener Vergnügungspark werden zu Schwellenorten existenzieller Entfremdung: eine Low-Budget-Perle und Vorläufer des Mitternachtskinos. (Florian Widegger) Elfriede Jelinek: »Der Film kommt fast ohne die üblichen Tricks des Gespensterfilms aus, das Verschwinden und Aus-dem-Nichts-Auftauchen der Gespenster ist von rührender Schlichtheit, nur mit ein wenig dunkler Schmi
Sa, 17.10., 17:30
Universum Jelinek
Vertigo Carte blanche
In seinem 45. Spielfilm erreicht der master of suspense den vielleicht schwindelerregendsten Punktseiner Karriere. Das titelgebende Gefühl meint nichtnur die Furcht vor dem Abgrund, sondern vor allem den Strudel aus Obsessionen, in den Hitchcock seine Figuren stürzen lässt. Der an Höhenangst leidende Ex-Polizist Scottie soll eine geheimnisvolle Frau beschatten, die ihn zunehmend in ihren Bann zieht. Chantal Akerman: »VERTIGO ist ein hervorragend fotografierter Film über den Fetischismus, also da
So, 18.10., 13:00
Universum Jelinek
Lost Highway Carte blanche
Asphalt unter Scheinwerfern, ein endloser Highway bei Nacht. Dazu David Bowies »I’m Deranged«: sirrend, rastlos, elektrisiert. Eine rauschhafte Eröffnungssequenz wie ein Manifest – Bewegung ohne Ziel, Geschwindigkeit als Zustand. Jazzmusiker Fred Madison empfängt rätselhafte Videobänder von seinem Haus. Jemand scheint ihn heimlich zu beobachten – oder ist er es gar selbst? Nach einem Mord beginnt die Welt zu zerfallen, das Ich löst sich auf und verwandelt sich in einen anderen. Lynch erzählt nic
So, 18.10., 16:30
Universum Jelinek
Was die Nacht spricht - Eine Erzählung
»Zwei Frauen, die miteinander in einer Kunstsprache sprechen, Arbeiter im Wirtshaus, die im Dialekt reden, Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses, die improvisierend sich selbst zur Sprache bringen, – alle diese divergierenden Darstellungen kommunizieren, nicht, indem sie handelnd ineinandergreifen, sondern indem sie sich berühren. Alle Handlungsstränge münden in der Nacht, wobei Nacht weniger eine Sache der Tageszeit als eine des geistigen Zustandes ist. Ebenso wie die Nacht alles isoliert
So, 18.10., 19:00
Universum Jelinek
Die Ausgesperrten
Der Krieg ist vorbei, aber seine Gespenster geistern noch immer herum. Zwischen einem kriegsversehrten Vater, den Versprechen des Wirtschaftswunders und der Sehnsucht nach radikaler Selbstbehauptung gründet der Gymnasiast Rainer eine kleine Clique, deren Provokationen zunehmend in Gewalt umschlagen. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie nichts als die autoritären Muster ihrer Elterngeneration, die es sich in der Lebenslüge der Zweiten Republik längst gemütlich gemacht hat, kennen. Franz Novot
Mo, 19.10., 18:00
Universum Jelinek
Heimkehr Carte blanche
Den Überfall auf Polen durch die Wehrmacht im September 1939 soll zwei Jahre später dieser Film legitimieren. Er insinuiert willkürliche und drastische Übergriffe auf die im Osten des Landes lebende deutsche Minderheit durch die polnischen »Untermenschen«. Mittendrin: Paula Wessely als leidende Lehrerin Maria, die am Höhepunkt eine flammende Rede auf das deutsche Wesen hält, während sie eingesperrt mit anderen ihrer »Heimholung« harrt … Wenig subtil verdreht HEIMKEHR konsequent historische Tatsa
Mo, 19.10., 20:30
Universum Jelinek
Malina
Ingeborg Bachmann meets Elfriede Jelinek meets Werner Schroeter: Eine radikale Mischung, die allerdings einen erstaunlich disziplinierten Film, ganz auf Isabelle Huppert zugeschnitten, ergibt: Eine namenlose Schriftstellerin lebt mit einem Mann namens Malina zusammen, eher eine Vernunft- denn eine Liebesgemeinschaft. Eines Tages trifft sie Ivan, an den sie Hals über Kopf ihr Herz verliert – und damit immer mehr zur Gefangenen ihrer Träume und Ängste wird. Georg Seeßlen: »Schroeters Kamera richte
Di, 20.10., 17:30
Universum Jelinek
Die Kinder der Toten
Aus Elfriede Jelineks nach eigener Aussage wichtigstem Roman entsteht an den Schauplätzen ihrer Kindheit eine radikale filmische Geisterbeschwörung. Ein Super-8-Ferienfilm aus der Obersteiermark kippt allmählich ins Unheimliche und legt die verdrängten Gespenster der österreichischen Geschichte frei. Eine eigenwillige wie verstörende Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis zwischen Erinnerung, Schuld und nationaler Identität. (Florian Widegger)
Di, 20.10., 20:15
Universum Jelinek
Lost Highway Carte blanche
Asphalt unter Scheinwerfern, ein endloser Highway bei Nacht. Dazu David Bowies »I’m Deranged«: sirrend, rastlos, elektrisiert. Eine rauschhafte Eröffnungssequenz wie ein Manifest – Bewegung ohne Ziel, Geschwindigkeit als Zustand. Jazzmusiker Fred Madison empfängt rätselhafte Videobänder von seinem Haus. Jemand scheint ihn heimlich zu beobachten – oder ist er es gar selbst? Nach einem Mord beginnt die Welt zu zerfallen, das Ich löst sich auf und verwandelt sich in einen anderen. Lynch erzählt nic
Mi, 21.10., 21:00
Universum Jelinek
Vertigo Carte blanche
In seinem 45. Spielfilm erreicht der master of suspense den vielleicht schwindelerregendsten Punktseiner Karriere. Das titelgebende Gefühl meint nichtnur die Furcht vor dem Abgrund, sondern vor allem den Strudel aus Obsessionen, in den Hitchcock seine Figuren stürzen lässt. Der an Höhenangst leidende Ex-Polizist Scottie soll eine geheimnisvolle Frau beschatten, die ihn zunehmend in ihren Bann zieht. Chantal Akerman: »VERTIGO ist ein hervorragend fotografierter Film über den Fetischismus, also da
Mi, 4.11., 18:00
Universum Jelinek
Prater
»Da waren also Buntheit und Vielfachheit all der Pratergeräte, nur dazu da, benützt zu werden, und den Benutzern etwas zu eröffnen, das sie immer wieder neu erscheinen lassen konnte.« So resümiert Elfriede Jelinek ihre Prater-Erinnerung. Protagonist:innen, Schauplätze und Exponate emotionaler Achterbahnfahrten versammelt Ulrike Ottingers liebevolle Prater-Hommage und erkundet dabei die Kulturgeschichte dieses bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Weichbildes der Wiener Seele. (Ernst Kieninger
Do, 5.11., 17:00
Universum Jelinek
Liebhaberinnen
Die Liebhaberinnen ist der vierte Roman Jelineks, erschien 1975 und gilt gemeinhin als jener, mit dem die Autorin ihren literarischen Durchbruch feierte. Ein halbes Jahrhundert später übersetzt die luxemburgische Künstlerin Koxi die Vorlage rund um die konträren Lebensentwürfe zweier Frauen – und den Preis, den sie für ihre jeweilige Unfreiheit bezahlen – in die Gegenwart. Beide tragen ihre Haut buchstäblich zu Markte: Während Schülerin Paula als Influencerin nach Aufmerksamkeit heischt, preist
Do, 5.11., 20:30
Universum Jelinek
La pianiste
Als Klavierprofessorin genießt Erika Kohut enormes Ansehen. Doch hinter der Fassade bestimmen Kontrolle und Abhängigkeiten ihren Alltag. Ihr Doppelbett teilt sie mit ihrer dominanten Mutter. Eines Tages verliebt sich ein Student in sie – und setzt ein obsessives wie zerstörerisches Machtspiel in Gang … Jelineks Roman bildet den Ausgangspunkt dieses Psychogramms einer Frau, die aus ihrem Gefängnis nicht ausbrechen kann. In streng komponierten Bildern lotet der Film die Gewalt aus, die hinter gese