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Retrospektive
Das Auge des Kinos Fritz Lang #3 Filme 1947–1963

Wenn Fritz Lang 1963 in Jean-Luc Godards LE MÉPRIS als Regisseur der Odyssee auftritt, dann ist das nicht bloß ein cinephiler Zufall: Der Kino-Dinosaurier, der seit 40 Jahren das Medium prägt, trifft auf einen jungen Erneuerer und Bewunderer. Für diesen verkörpert er die Gegenfigur zu einer Filmindustrie, in der die Produzenten ganz andere Interessen verfolgen als die Filmemacher selbst. Von dieser Erfahrung kann Lang gerade in der Phase, die den Abschluss unserer dreiteiligen Retrospektive bildet, ein Lied singen. Nach 1947 arbeitet er mit unterschiedlichen Studios, schwankenden Budgets und vor allem einer zunehmend eingeschränkten Kontrolle über sein Werk. Diese Zeit markiert nicht die geradlinige Fortsetzung einer großen Karriere, im Gegenteil: Lang muss immer neue Wege finden, um überhaupt drehen zu können. Gleichzeitig gerät er im politischen Klima der McCarthy-Zeit unter Rechtfertigungsdruck. Den enormen Konservatismus erlebt er als Bestätigung seiner Befürchtung, dass aus moralischer Zensur eine politische geworden ist. In seinen Filmen reagiert er darauf – mit Geschichten über Polizei und Medien, darüber, wie diejenigen, die Ordnung und Vertrauen in einer Gesellschaft repräsentieren, den Verlockungen der Macht am schnellsten erliegen.

Es wäre falsch, die Jahre der Einschränkung als Niedergang zu verstehen: In Filmen wie dem künstlichen Western RANCHO NOTORIOUS, dem sozialrealistisch grundierten Melodram CLASH BY NIGHT, dem kompromisslosen Krimi-Reißer THE BIG HEAT, der romantischen Abenteuerballade MOONFLEET oder dem düsteren Lehrstück WHILE THE CITY SLEEPS gelingt es ihm, seinen Stil und seine Kunst weiter zu verfeinern. Während er in Hollywood zunehmend als schwieriger, gar überholter Regisseur wahrgenommen wird, entdeckt ihn eine jüngere Generation europäischer Cinephiler: 1959 wird er in der Cinémathèque française gefeiert, Rivette, Truffaut und Godard erkennen auch in den amerikanischen Genrefilmen jenen Regisseur wieder, der in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren zum Monument der Filmgeschichte wurde. Zu dieser Zeit dreht Lang wieder in Deutschland, die beiden Indien-Filme, die er schon 1921 verfilmen wollte, wenig später nimmt er in DIE 1000 AUGEN DES DR. MABUSE noch einmal eine der wichtigsten Figuren aus seiner Vergangenheit auf. Danach ist seine Regiearbeit beendet. 1976 stirbt Fritz Lang, schwer krank und fast erblindet, in Beverly Hills. Kurz vor seinem Tod wird er gefragt, welche Filme er machen würde, wenn er dazu in der Lage wäre. Seine Antwort: »With the world the way it is, I think they would be very critical, very aggressive.« Sein Blick auf die Welt bleibt bis zum Schluss schonungslos.
(Florian Widegger)

Fr, 6. Nov. - Do, 3. Dez.