Vom Wiener Nachwuchstalent nach Hollywood, von der Komödie zum politischen Autorenfilm, von der gefeierten Darstellerin zur mutigen Produzentin – Senta Berger gehört zu jener seltenen Gattung von Schauspielerinnen, die wahrlich auf kein Image festzulegen sind, sondern immer wieder den Rollenwechsel suchen. Dabei steht sie für Filme, die Haltung beweisen, ohne auf Wirkung zu verzichten, und verbindet dabei Eleganz mit Neugierde, Leichtigkeit mit Ernst – und ihre außergewöhnliche Präsenz mit der Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden. Unsere Retrospektive versucht, die vielen Facetten dieser Künstlerin abzubilden.
Von der Kunst, sich neu zu erfinden
Es gibt Schauspielerinnen, deren Karrieren sich geradlinig entwickeln. Und es gibt Senta Berger. 1941 im 13. Wiener Gemeindebezirk geboren, zieht sie bereits in frühester Kindheit mit ihrem Vater, einem Musiker, um die Häuser und gibt Wienerlieder zum Besten. Ihr Ziel ist die Bühne – und tatsächlich wird sie mit nur 16 Jahren als bislang jüngste Studentin am Max-Reinhardt-Seminar angenommen – im selben Jahrgang wie Marisa Mell und Erika Pluhar. Nachdem sie ohne Erlaubnis eine Mini-Rolle in einem amerikanischen Film annimmt, muss sie die ehrwürdige Einrichtung allerdings wieder verlassen. Ein unerheblicher Rückschlag, denn schon bald steht sie nicht nur regelmäßig auf der Bühne des Theater in der Josefstadt, sondern wird auch im Kino häufiger und gern gesehen. Die Auftritte in den Filmen der Berliner Produzentenlegende Artur Brauner machen sie auch über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinweg bekannt. Mit gerade einmal 21 Jahren übersiedelt Senta Berger nach Hollywood, wo sie an der Seite von Stars wie Charlton Heston oder Kirk Douglas auftritt, aber auch die Schattenseiten in Gestalt übergriffiger Firmenbosse kennenlernt, wie sie in ihrer 2006 erschienenen Autobiografie Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann schildert.
Sie erkennt bald die Grenzen, an die sie in den USA stößt. Statt sich auf mehr oder weniger dekorative Figuren festlegen zu lassen, sucht sie neue Wege – zunächst im europäischen Kino, später ganz bewusst auch hinter den Kulissen. Etwa zur selben Zeit heiratet sie den Arzt und Regisseur Michael Verhoeven und gründet mit ihm die Produktionsfirma Sentana Film. Sie will nicht länger ausschließlich Teil fremder Visionen sein, sondern selbst aktiv mitentscheiden, welche Geschichten erzählt werden. So entstehen berühmte Filme wie Die weiße Rose oder Das schreckliche Mädchen, die sich mit deutscher Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung auseinandersetzen. Produzentin zu sein ist für sie eine künstlerische und politische Entscheidung zugleich. Parallel dazu entwickelt sie ihre Schauspielkunst beständig weiter: im Kino u. a. mit Regisseuren des Jungen Deutschen Films, auf der Bühne etwa als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen (1974–1982) und im Fernsehen.
Bis heute werden ihre Rollen komplexer, widersprüchlicher und mutiger, während sich ihr Spiel durch Souveränität und Eleganz auszeichnet, mit denen sie ihren Figuren sowohl enorme Tiefe als auch treffsichere Selbstironie verleiht. Senta Berger hat sich immer wieder neu erfunden, ist sich dabei stets treu geblieben und hat das deutschsprachige Kino vor und hinter der Kamera geprägt wie kaum eine andere.
(Florian Widegger)