Der 2.000-jährige Mann feiert seinen 100. Geburtstag. Und das, kaum zu glauben, lebendig. Naja, lebendig ist vielleicht zu viel gesagt, aber er ist zumindest nicht tot. Allein das ist ein Grund, mit ihm zu feiern. Aber es gibt noch mehr, denn kaum ein Filmemacher hat die amerikanische Komödie – oder, genauer, die Parodie – so nachhaltig geprägt wie dieser Wirbelwind aus Brooklyn. Borscht Belt, Vaudeville, Burlesque – er hat diese Kunstformen in seiner ganz eigenen Kunstform destilliert: Brooks’sche Anarchie. Seine Filme sind die zum Schreien komischen Ergebnisse, wenn Respektlosigkeit auf Energie trifft. Sie sind zugleich Hommage und Abrissbirne, Liebeserklärung und Demontage.
Brooks beginnt im Writers’ Room der legendären Samstagabend Varieté- und Sketch-Sendung Your Show of Shows, als Protegé von Sid Caesar, wo er mit Größen wie Neil Simon undMel Tolkin an den besten Pointen schreibt – unter anderem für seinen späteren Comedy-Partner, Nachbarn und Herzensmenschen Carl Reiner. Nach holprigen und fruchtlosen Jahren in der TV-Branche findet er letztlich im Kino die ideale Bühne für seine Mischung aus Hochkulturzitaten, Slapstick, jüdischer Selbstironie und popkultureller Frechheit. Seine Filme sind voll von tragisch-komischen Figuren, die eigentlich scheitern müssten, aber durch die reine Kraft des Absurden zu Held:innen werden. Brooks’ Welt ist eine, die der Logik der Looney Tunes wesentlich näher ist als der öden Realität. Kein (Sub-)Genre ist davor gefeit, liebevoll von ihm zerlegt zu werden: Golden-Age-Western, Universal-Monster-Horror, Busby-Berkeley-Musicals, … die Liste ist lang.
Dass Brooks dabei immer politisch ist, versteht sich fast von selbst. Er lacht von unten, tritt gern nach oben, und sein Humor richtet sich gegen Autoritäten, gegen Dogmen, gegen jede Form von Machtmissbrauch. Er hat Antisemitismus mit Witz entwaffnet, Rassismus mit Slapstick bloßgestellt und Hollywood mit seinen eigenen Mitteln parodiert. Und doch bleibt seine Handschrift zutiefst menschlich: Brooks glaubt an die heilende Kraft des Lachens und an die Möglichkeit, durch Überzeichnung Wahrheit sichtbar zu machen.
Zum 100. Geburtstag widmet das Filmarchiv Austria diesem – im wahrsten Sinn – Jahrhundertkomiker ein kleines Tribute, das zeigt, dass seine Filme sowohl den Titel »Klassiker des Humors« verdient haben, und zugleich, wie relevant Brooks geblieben ist, indem sein Werk uns daran erinnert, dass ein gut platzierter Furz-Witz länger hält als jedes Denkmal.
(Otto Römisch)