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Retrospektive
Forever Marilyn Die Filmgeschichte ist weiblich #5

Selten geht von einer Schauspielerin über 60 Jahre nach ihrem Tod eine so ungebrochene Faszination aus wie von Marilyn Monroe. Ihr Gesicht ist nach wie vor ikonisch, ihre Geschichte von (ungelösten) Mythen umrankt. Sie ist der Inbegriff einer von Konsum und Vergnügen bestimmten Epoche, die von Amerika aus ihren Siegeszug antritt, und einer neuen Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Star zu sein – inklusive all der Schattenseiten des Rampenlichts. Ihren 100. Geburtstag am 1. Juni feiern wir mit einer großen Retrospektive ihrer wichtigsten Filme – eine Chance, sie nicht nur als Legende, sondern vor allem als außergewöhnliche Künstlerin kennenzulernen.

Star und Spiegelbild

Es gibt Gesichter, die sich tief in das kollektive Bildgedächtnis des Kinos eingeschrieben haben. Das von Marilyn Monroe gehört zweifellos dazu. Geboren als Norma Jeane Mortenson, wird sie als Pflegekind von Familie zu Familie gereicht – nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Karriere. Dann entdeckt ein Fotograf die inzwischen 18-Jährige in einer Rüstungsfabrik und verschafft ihr einen Vertrag als Model. Ihr Traum, eine Schauspielerin zu sein, erfüllt sich kurz darauf, als sie bei der 20th Century Fox Fuß fassen kann.

Schritt für Schritt formt Hollywood aus ihr eine Leinwandfigur: die scheinbar naive Blondine, deren Mischung aus Verletzlichkeit, Erotik und Humor sofort Aufmerksamkeit erregt. Unsere Retrospektive setzt genau zu jenem Zeitpunkt an, an dem sie kurz vor ihrem Durchbruch steht. Im Jahr 1953 gelingt ihr mit GENTLEMEN PREFER BLONDES, NIAGARA und HOW TO MARRY A MILLIONAIRE jener Hattrick, der sie endgültig zum Star macht. Dabei wirkt ihre Leinwandpräsenz eigentlich paradox: zugleich komisch und melancholisch, verführerisch und verletzlich, inszeniert und erstaunlich spontan. »I don’t mind living in a man’s world as long as I can be a woman in it«, dieser Satz verrät viel über ihre Rollen, die immer wieder mit den an sie gestellten Erwartungen spielen, männliche Fantasien unterlaufen oder Machtverhältnisse mit einem Lächeln umkehren.

Gleichzeitig bleibt sie auf der Suche nach künstlerischer Anerkennung. Sie wendet sich kurzzeitig von Hollywood ab, nimmt ausgerechnet in Lee Strasbergs Actors Studio Unterricht, gründet eine eigene Produktionsfirma. Hinter der glamourösen Oberfläche wird ihre komplexe Persönlichkeitsichtbar: eine Frau, die die Mechanismen des Starsystems kennt und zugleich gegen sie ankämpft. Je ambitionierter ihre Rollen werden, umso eher ist sie mit Misserfolgen konfrontiert. Gegen die wachsenden Selbstzweifel versucht sie sich mit Alkohol und Tabletten zu wehren – erfolglos, wie ihr früher Tod am 4. August 1962 zeigt.

Marilyn Monroe ist eines der meistfotografierten Gesichter des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig eine unterschätzte Schauspielerin. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass sie bis heute vor allem über Bilder erinnert wird. Die Legenden, die sich um sie ranken, kreisen jedoch nach wie vor um die Frage, wer die »wahre« Frau hinter dem Sexsymbol war, die die Widersprüche einer puritanischen wie von Erotik besessen Generation verkörpert. Und ihre anhaltende Faszination liegt vielleicht gerade darin, dass sich diese Rätsel nicht eindeutig lösen lassen.
von Florian Widegger

Do, 7. Mai - Mi, 3. Juni