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Retrospektive
Kathryn Bigelow. Under Pressure Die Filmgeschichte ist weiblich #9

Das Wort »Coolness« in all seinen Abwandlungen lässt sich in einer Einführung weder zu Kathryn Bigelows Werk noch zu ihrem Leben wirklich vermeiden. Ganz egal, ob dabei ihre Lässigkeit gemeint ist – in jungen Jahren modelt sie für GAP, renoviert mit Philip Glass Immobilien und verkauft sie mit Gewinn und wohnt in ihrer New Yorker WG mit Julian Schnabel zusammen –, oder die überirdisch-charismatischen Protagonist:innen, die uns in ihrer geglätteten Kühle in den von Bigelow kreierten Bildern präsentiert werden.

Natürlich ist diese Coolness in beiden Fällen nur effektives Mittel zum Zweck. Mit den Jobs finanziert sie sich ein Studium der Malerei, das den Weg zum stilisierten Film ebnet. Und die Anziehungskraft ihrer Figuren ist nur so strahlend, um uns zu locken, zu erregen und zu unterhalten, während sie uns Geschichten erzählt über Amerikas Probleme mit Waffengewalt, das porzellanzerbrechliche männliche Ego oder den Umgang mit nationalen und internationalen Krisen und den menschlichen Kollateralschäden, die dabei entstehen. Der Charme, der ihren Figuren innewohnt, bringt eine Unnahbarkeit mit sich und steht tiefen Verletzungen, Traumata und einem Grund- misstrauen gegenüber der Menschheit gegenüber. Dieser Mischung aus äußerer Gelassenheit und inneren Konflikten verdanken wir ein eigensinniges, ambitioniertes Kino, das die Möglichkeiten des Mainstreamfilms nutzt, sich dessen Konventionen aber nicht unterwirft. Bigelows Hauptinteresse gilt Menschen, die in Situationen geraten, in denen moralische Kategorien außer Kraft gesetzt werden, und die Entscheidungen treffen müssen, die im Graubereich zu suchen sind.

Dass sie sich über Jahrzehnte hinweg in Genres behauptet hat, die traditionell Männern vorbehalten waren, verleiht diesen Tiefe – durch eine differenzierte Perspektive auf sonst unkommentierte Heldenfiguren, ohne dabei jemals den Unterhaltungswert zu opfern. Gewalt erscheint bei ihr als Ausdruck politischer und psychischer Zustände, und nicht ausschließlich als filmisches Gimmick. Sie hinterfragt die Motivationen, wenn Menschen unter Druck handeln müssen – und was von ihnen übrig bleibt, wenn der Druck nachlässt.

Auch wenn sich Bigelows Fokus in den letzten Jahren zunehmend auf historische und politische Ereignisse konzentriert hat, bleibt die Grundhaltung doch dieselbe: die Widersprüche einer Gesellschaft ernst zu nehmen und die Menschen darin nicht auf Symbole zu reduzieren.
(Otto Römisch)

Fr, 6. Nov. - Mi, 2. Dez.