»Wenn die Welt heute nicht auf diese eklatante Gewalt reagiert, dann ist nicht nur der Iran, sondern die ganze Welt in Gefahr.« Mit einem flammenden Plädoyer meldet sich Jafar Panahi bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises Mitte Jänner zu Wort. Ein furchtloser Filmemacher, dessen Werk seit Jahrzehnten aus konkreter Erfahrung mit Verboten, Drohungen und Gefängnisstrafen entsteht und dabei mit untrüglichem Gespür für Zwischentöne künstlerische und moralische Fragen verhandelt. Unsere Retrospektive blickt zurück auf sein beharrlich-unbequemes Schaffen – und auf ein Land im Ausnahmezustand.
Filmen unter Vorbehalt
von Florian Widegger
In der Rezeption von Jafar Panahis Werk stehen häufig zuerst die äußeren Umstände im Vordergrund: das Berufsverbot, die Haftstrafen, die offene Konfrontation mit der iranischen Justiz. Das ist nachvollziehbar – und doch verstellt es mitunter den Blick auf das Eigentliche: auf ein Kino von außerordentlicher Präzision, formaler Intelligenz und konsequenter Menschlichkeit. Panahis Filme sind nicht bedeutsam wegen der Repression, unter der sie entstehen, sondern trotz – und vor allem jenseits – dieser Einschränkungen.
Geboren 1960 in Mianeh, beginnt Panahi seine Laufbahn nach dem Studium an der Filmhochschule in Teheran als Assistent von Abbas Kiarostami. Aus dieser prägenden Zusammenarbeit entwickelt sich bei Panahi allmählich eine eigene Perspektive: ein Kino, das sich an den sozialen Bruchlinien des Landes orientiert, das zuhört, beobachtet und beharrlich bleibt. Seine Aufmerksamkeit gilt Menschen mit begrenzten Handlungsspielräumen – Kindern, Ausgeschlossenen und vor allem Frauen –, ohne sie zu idealisieren. Er interessiert sich für das, was zwischen seinen Protagonist:innen geschieht, in Momenten des Zögerns, der Anpassung und des leisen Widerstands.
Sein mittlerweile drei Jahrzehnte umfassendes Werk verlässt sich nicht auf dramatische Zuspitzungen, sondern lebt von Genauigkeit. Panahis Filme formulieren keine Thesen, sie erzeugen Reibung – und gerade darin liegt ihre politische Kraft. Als er 2010 zu Haft und Berufsverbot verurteilt wird, verändert sich sein Kino zwangsläufig – nicht in seiner Haltung, sondern in seiner Form: Unter dem staatlich verordneten Schweigen durchdringen Realität und Fiktion einander noch stärker als zuvor, weil das Filmen selbst zu einem Akt des Widerstands wird.
»Ohne sich zum Richter oder politischen Botschafter aufzuschwingen,
ist Panahi mit seinen Filmen zu einem der wichtigsten Zeitzeugen
in seinem Land geworden.«
Martin Rosefeldt
Doch Panahis Kino ist weit mehr als ein Selbstporträt. Es verweist stets auf größere Zusammenhänge: auf strukturelle Gewalt, auf alltägliche Anpassung, auf das leise Beharren auf Würde. Gerade jetzt, wo die Proteste im Iran brutal unterdrückt und grundlegende Freiheiten weiter eingeschränkt werden, gewinnen seine Filme eine besondere Dringlichkeit. Sie machen sichtbar, was unsichtbar bleiben soll – und fordern dazu auf, genau hinzusehen. Unsere Retrospektive versteht sich nicht nur als Filmprogramm, sondern auch als solidarische Geste: als Einladung, Jafar Panahis Arbeiten als das zu sehen, was sie sind: eigenständige, präzise und zutiefst humane Filme und Teil eines anhaltenden Ringens um Freiheit, das weit über das Kino hinausreicht.