In einer Industrie, in der die Regeln von Männern geschrieben werden, wird Ida Lupino (1918–1995) eine zentrale Figur der Filmgeschichte. Zunächst als Schauspielerin bekannt, nutzt sie ihre Position früh, um sich Freiräume und künstlerische Autonomie zu erkämpfen. Als Mitbegründerin der unabhängigen Produktionsfirma The Filmakers und eine der ersten Regisseurinnen Hollywoods dreht sie zwischen 1949 und 1953 eine Handvoll Filme, die sich den Studiokonventionen entziehen.
Die Tochter eines britischen Schauspiel-Paars steht bereits mit 15 zum ersten Mal vor der Kamera. Anfang der 1940er ist sie bei Warner Bros. unter Vertrag. Sie zeigt nicht nur Humphrey Bogart, wer die Hosen anhat, sondern legt sich auch mit Boss Jack Warner an. Während sie sich selbstironisch als »Bette Davis für Arme« bezeichnet, erwächst in dieser Zeit ihr Wunsch, selbst Regie zu führen. 1949 springt sie für den erkrankten Elmer Clifton in NOT WANTED ein. Den »Problemfilm« über uneheliche Schwangerschaft weiß sie sogleich mit der ihr eigenen Handschrift zu veredeln, die geprägt ist von Nüchternheit und einem unbestechlichen Blick auf soziale Realität.
In weiterer Folge wendet sich Lupino in ihren Arbeiten jenen zu, die am Rand der Gesellschaft stehen: unverheiratete Mütter, Frauen, denen sexualisierte Gewalt angetan wurde, körperlich Versehrte, moralisch Zerrissene. Das Dunkle, Harte ihrer Stoffe liegt weniger in expliziten Bildern, sondern vielmehr in der Konsequenz, mit der sie Traumata, Scham und Ausgrenzung sichtbar macht. Ihr Interesse gilt den Machtverhältnissen – nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern jenem zwischen Individuum und Gesellschaft. Filme wie OUTRAGE, NEVER FEAR oder THE BIGAMIST zählen zu den frühesten US-Filmen, die Themen wie Vergewaltigung, Behinderung oder Doppelleben ohne moralische Simplifizierung verhandeln. Formal bewegt sich Ida Lupino oft nahe am Film Noir, ohne dessen Zynismus zu übernehmen. Die Unmittelbarkeit, mit der sie ihre Perspektiven im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden begrenzten (ökonomischen) Mittel entwickelt hat, lässt ihre Filme noch heute erstaunlich modern wirken.
Ab Mitte der 1950er verlegt sie sich aufs Fernsehen, wo sie vor und hinter der Kamera für so manche Sternstunde in Episoden populärer Serien wie THE TWILIGHT ZONE sorgt. Unsere Retrospektive soll dazu einladen, Ida Lupino nicht nur als Pionierin zu würdigen, sondern als kompromisslose, mutige Filmemacherin, die Hollywood von innen heraus gegen den Strich gebürstet hat.
(Florian Widegger)
»She was a feminist director and a neorealist director, the first in American cinema, twenty years ahead of her time.«
Thom Andersen