»B is zur Anwendung der NS-Maßnahmen gegen jüdische Filmschaffende war ich in Berlin unter dem Namen Ellen Richter selbständige Filmproduzentin, Star und Inhaberin aller Geschäftsanteile der 1920 gegründeten Ellen Richter Film GmbH. Ich gehörte der Spitzenorganisation der Deutschen Filmindustrie an, schuf den überaus erfolgreichen Typ der Abenteuer-Reisefilme und finanzierte meine Produktionen insofern selbst, als ich alle aufzubringenden Barleistungen stets aus eigenen Mitteln bestritt. Insgesamt stellte ich ca. 50 große Spielfilme her.« (Ellen Richter, 1957)
Die Retrospektive findet in Zusammenarbeit mit SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien statt
Ellen Richter - Eine Filmpionierin aus Wien
_von Philipp Stiasny und Oliver Hanley_»Meine Eltern waren jüdische Bürgersleute aus Ungarn, die aus mir eine brave Hausfrau machen wollten. Wie groß war ihre Verwunderung, als ihre Tochter ihnen einige Jahre später mitteilte, dass sie Schauspielerin werden wolle«, erinnert sich Ellen Richter 1928 an ihre Anfänge. Zu diesem Zeitpunkt ist Ellen Richter – geboren am 28. Juli 1891 als Käthe Weiß in Wien – einer der populärsten Stars des Weimarer Kinos. Auch international hat sie viele Anhänger. Ihr Name steht für Witz und Charme, für eine neue Weiblichkeit, furchtlos, abenteuerlustig, eigensinnig. Stets mobil und modebewusst. Oft blitzt bei aller Emotionalität eine leicht ironische Auffassung ihrer Rollen durch, eine lässige Souveränität.
Eine brave Hausfrau wurde Richter nie, auch nicht, nachdem sie 1915 in Berlin den Zahnarzt und Librettisten Willi Wolff (1883–1947) geheiratet hatte. Fortan bildete sie mit ihm als Autor und Regisseur eine ungeheuer produktive Arbeitsgemeinschaft. Verkörperte Richter mit ihrem dunklen Haar und dunklen Teint zu Beginn ihrer Filmlaufbahn noch oft die Rolle einer »Exotin«, so änderte sich das, als sie 1920 mit Wolff ihre eigene Produktionsfirma gründete. Danach bestimmte sie selbst, wen und was sie spielen wollte. Dazu zählten berühmte Frauen aus der Geschichte sowie die Heldinnen großangelegter Reise- und Abenteuerfilme, die Richter und Wolff nach Südeuropa, Nordafrika und Indien führten. Mit Vorliebe spielte Richter auch Detektivinnen und Revuestars. Ein Anhängsel oder eine Trophäe männlicher Helden war sie nicht.
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten hatten Richter und Wolff als Juden Berufsverbot. 1935 emigrierten sie nach Österreich, 1938 weiter nach Frankreich und 1940 in die USA. Nie wieder trat Ellen Richter im Film auf. Ab den 1950er-Jahren lebte sie zurückgezogen in der Schweiz und starb am 11. September 1969 in Düsseldorf.
Von den gut 70 Filmen, in denen Ellen Richter zwischen 1913 und 1933 mitspielte, ist nur ein Bruchteil überliefert. Mit dem wachsenden Interesse an Frauen in der Filmgeschichte ist es in den letzten Jahren gelungen, mehrere ihrer Filme mit Hilfe öffentlicher und privater Förderung zu restaurieren. Anlässlich des Erscheinens des Buches Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos von Philipp Stiasny und Oliver Hanley im Verlag von SYNEMA sind ihre Filme nun erstmals wieder in ihrer Geburtsstadt Wien auf der Leinwand zu bewundern.