Filmarchiv Austria übernimmt eine der größten privaten Filmsammlungen Deutschlands
Eine in jeder Beziehung außergewöhnliche Sammlungsübernahme konnte das Filmarchiv kürzlich abschließen. Denn es ist gelungen, eine der größten privaten Filmsammlungen Deutschlands nach Österreich zu holen und in provisorischen Depots einzulagern. Hinter diesem historisch bedeutenden Filmschatz steht der 1940 geborene Sammler Manfred Thurow. Als seine Mutter unmittelbar nach Kriegsende an Tuberkulose stirbt, muss er sich unter schwierigsten Bedingungen durchs Leben schlagen. Bei einer humanitären Aktion, Kinder mit Filmvorstellungen von der Straße zu holen, erschließt sich ihm ein faszinierendes Universum, das sein weiteres Leben bestimmen wird. Mit 18 Jahren heuert er bei einem Filmverleih in Ostberlin an; kurz vor dem Mauerbau flieht er aus der DDR und macht bei einem Schweizer Filmverleiher in Basel Karriere. Im nahegelegenen Lörrach im Südwesten Baden-Württembergs baut er Schritt für Schritt eine Filmsammlung auf, die seine cineastischen Vorlieben widerspiegelt. Im Lauf der Jahre gelingt es ihm, über 2.000 Titel zusammenzutragen, darunter viele österreichische Produktionen. Das Spektrum umfasst rare Stummfilm-Juwelen aus den 1910er-Jahren wie die bis dato verschollene frühexpressionistische Produktion DIE SCHLANGE DER LEIDENSCHAFT (AT 1918) unter der Regie der Wiener Filmpioniere Luise und Jakob Fleck, Klassiker des Tonfilms wie LIEBELEI (DE 1933) von Max Ophüls, Nitrofilmoriginale zum deutschsprachigen Emigrantenkino wie BALL IM SAVOY (AT/HU 1935) oder auch zahlreiche bisher als verschollen geltende Kulturfilm-Produktionen der Wien-Film. Filmhistorisch bedeutsam ist auch das nun erstmals vorliegende Material zum österreichischen Nachkriegsfilm HEXEN (AT 1949), der von der Alpen-Film Austria in der Steiermark und in den Grazer Thalerhof-Studios gedreht wurde.
Das Filmarchiv Austria stand mit Manfred Thurow in den letzten beiden Jahren in intensivem Kontakt, und bald bestand Einigkeit, dass diese großartige Sammlung nach Österreich gehen sollte. Noch zu Lebzeiten Thurows startete das Filmarchiv Austria mit der Übersiedlung der Bestände von Lörrach nach Laxenburg. Insgesamt wurden über 20 Tonnen Filmmaterial aus dem Speicher des Privatsammlers in verschiedene Zwischendepots des Filmarchiv Austria eingelagert. Das engagierte Laxenburger Team bewerkstelligte die physisch und logistisch herausfordernden Transporte mit großem persönlichem Einsatz. Den Abschluss dieser Großaktion erlebte Manfred Thurow leider nicht mehr; am 4. August 2026 verstarb der leidenschaftliche Cineast mit dem Wissen, dass sein Lebenswerk nun in der österreichischen Nationalbibliothek der Laufbilder weiterlebt.