Retrospektiven
 

Leading Ladies of Silent Cinema

Outside the Spotlight | FIGHT FOR THE RIGHT TO PARTAKE

19.1.–26.2. | 2.3.–8.4.2024

Filmgeschichte ist Männersache? Könnte man meinen, denn die »Leading Ladies« des frühen Kinos zählen trotz zunehmender Forschungen und Wiederentdeckungen noch immer zu den großen Unbekannten. Doch Frauen haben das Medium Film von Beginn an maßgeblich mitgeprägt und für dessen Entwicklung wesentliche Impulse gesetzt – vor, aber auch und gerade hinter der Kamera.

 

Der monatliche Schwerpunkt Leading Ladies of Silent Cinema spürt diesen Pionierinnen des österreichischen und internationalen Stummfilms nach. Den Auftakt machte im September die »Ahnfrau« des heimischen Kinos, Louise Fleck. Als erste Regisseurin Österreichs – und nach der Französin Alice Guy-Blaché, mit der sie das Geburtsjahr 1873 teilt –, als zweite weltweit, ist sie auch als Produzentin, Drehbuchautorin und Editorin eine Vorreiterin.

 

Die einzelnen Programme der bis Juni 2024 stattfindenden Retrospektive sind chronologisch angeführt, beginnend mit dem aktuellsten.


Leading Ladies of Silent Cinema

Mehrteilige Retrospektive von September 2023 bis Juni 2024

FIGHT FOR THE RIGHT TO PARTAKE
2. März bis 8. April 2024

OUTSIDE THE SPOTLIGHT
19. Jänner bis 26. Februar 2024

LAUGHING OUT LOUD!
15. Dezember 2023 bis 13. Jänner 2024

IKONINNEN … UND IHRE TÖCHTER
4. bis 29. November 2023

LOUISE FLECK
8. September bis 17. Oktober 2023

KuratorInnen

Florian Widegger, Bianca Jasmina Rauch

Ticketreservierung

reservierung@filmarchiv.at
+43 1 512 18 03 (täglich 14:00–21:00)

Spielort

METRO Kinokulturhaus
Johannesgasse 4, 1010 Wien
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Schon seit Jahrhunderten kämpfen Frauen um das Recht, an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen und am Kulturbetrieb im Allgemeinen teilzuhaben. Mit Beginn des Films fanden feministische Strömungen wie die Suffragetten-Bewegung auch ihren Weg auf die Leinwand. In dieser Reihe blicken wir auf die Kino-Kämpferinnen der ersten und zweiten Welle – sowohl im Stummfilm als auch im neueren Spiel- bzw. in einem Dokumentarfilm. Freiheitsstrebende Frauen geraten darin stets mit engstirnigen Wächtern der (Doppel-)Moral, die die alte Ordnung aufrechterhalten wollen, in Konflikt. Ob in Österreich, Deutschland, Schweden, Großbritannien oder in der Schweiz: Die Geschichten lassen deutlich werden, dass Veränderung nur mit Verbündeten und durch Hartnäckigkeit gelingen kann.

»Take courage, join hands, stand besides us, fight with us!«

Emmeline Pankhurst

FIGHT FOR THE RIGHT TO PARTAKE

Ein heute besonders antiquiert anmutender Spruch besagt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe. Dass diese »starken Frauen« dabei gleichberechtigten Anteil an den Erfolgen bei der Teamarbeit Film haben, wurde lange Zeit gern übersehen. Die Leading Ladies of Silent Cinema widmen sich daher dieses Mal jenen Frauen, deren Arbeit hinter der Kamera, als Drehbuchautorinnen und Editorinnen, viel zu selten gewürdigt wird – auch, weil manche von ihnen noch immer im Schatten ihrer berühmten männlichen Kollegen stehen –, von denen aber ganz wesentliche künstlerische Impulse für die Entwicklung des damals noch jungen Mediums ausgehen.

Outside the Spotlight

Zwischen Konformität und Rebellion, Arm und Reich, weiblich und männlich, erwachsen und jugendlich: In ihren Rollen lassen viele Komödiantinnen der Stummfilmzeit scheinbare Gegensätze verschwimmen und wecken die Lust, die Welt mit neuen Augen sehen. Tragik und Komik liegen in dieser Phase der Geschichte, in der sich Gesellschaft und Filmbranche für kurze Zeit in einem emanzipatorischen Aufbruch befinden, nahe beieinander. Viele der Publikumslieblinge unserer Reihe begeisterten nicht nur vor der Kamera, sondern waren auch – oft unerwähnt – als Produzentinnen oder Autorinnen tätig. Die Schattenseiten so mancher Lebensverhältnisse brachten sie mit der friedlichen Waffe des (lauten) Lachens ans Licht.

»She ain’t no girl ... she’s a wildcat!«

LITTLE ANNIE ROONEY

Laughing out Loud!

Ausdrucksstarke Gesichter, eindrucksvolle Körpersprache und markanten Figuren – der Stummfilm lebt naturgemäß von visueller Zuspitzung. Waren es ganz zu Beginn des Mediums noch unbekannte, häufig anonyme »Performer«, die vor die Kamera traten, etablierten sich bald erste Filmstars, die das Publikum wiedererkannte. Manche von ihnen wuchsen weit über ihre Leinwandpräsenz hinaus. Ihr »Image« reicht bis in die heutige Populärkultur. Den bekanntesten Stummfilm-Ikoninnen widmen wir uns in diesem Schwerpunkt und präsentieren darüber hinaus auch gleich jene Filme, die sie in weiterer Folge beeinflusst haben.

»I’m a curiosity in Hollywood.
I’m a big freak, because I’m myself!«

Clara Bow

IKONINNEN ... UND IHRE TÖCHTER

»Eine Frau, die organisiert, die Filme schneidet, die Gesellschaften gibt. Eine Frau, die bei Dutzenden Filmen Regie führt. Eine Frau, die schließlich ihre Männer überflügelt.«

Uli Jürgens über Louise Fleck

Als erste Regisseurin Österreichs und als zweite weltweit behandelte Louise Fleck in ihren Spielfilmen bereits früh gesellschaftsrelevante Fragen. Sie realisierte unterschiedlichste Projekte, bewies sich als künstlerisch-technische Allrounderin und verlieh ihren Stoffen in der Pionierphase des Films zudem immer wieder Lokalkolorit. Der Beginn ihrer Tätigkeit als Filmemacherin deckt sich mit einer gesellschaftlich spannenden Umbruchsphase, in der die erste Frauenbewegung einen Höhepunkt erreichte. Dank Forschungen, Restaurierungen und der Aufbereitung ihres Nachlasses, der sich im Filmarchiv Austria befindet, kann das Schaffen von Fleck, das für lange Zeit im Dunkeln lag, Generationen später wieder die Öffentlichkeit erreichen.

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Um 1900 bringen nicht nur Filmprojektoren Bilder in Bewegung, auch die Gesellschaft befindet sich in Transformation: Frauen hinterfragen Rollenbilder verstärkt und fordern ihre Teilhabe in verschiedenen Lebensbereichen ein. In dieser Zeit dreht Louise Kolm, geborene Veltée, gemeinsam mit ihrem Mann Anton, dem Bruder Claudius Veltée und dem befreundeten Jakob Fleck ihre ersten Filme. 1910 gründeten sie gemeinsam die Erste Österreichischen Kinofilms-Industrie, die in den Folgejahren einigen Umbenennungen und Neugründungen unterliegt (u. a. Wiener Kunstfilm, Vita-Film). Von Beginn an setzt Louise Fleck die Projekte von der inhaltlichen Konzeption bis zum finalen Schnitt (mit) um. Eng ist vor allem die künstlerische Zusammenarbeit mit Jakob Fleck, den sie nach dem Tod ihres ersten Mannes 1924 auch ehelicht.

 

Über hundert Mal führt die Pionierin Regie, zahlreiche Drehbücher verfasst sie zwischen 1908 und 1941. Während anfangs zunächst der Fokus auf den sogenannten Aktualitätenfilmen, also der Dokumentation von Szenen aus dem Alltag liegt (z. B. TYPEN UND SZENEN AUS DEM WIENER VOLKSLEBEN), folgen bald darauf erste narrative Filme. Häufig inszeniert das Duo Kolm/Fleck Stoffe heimischer Autoren, etwa von Ludwig Anzengruber (DER PFARRER VON KIRCHFELD, DER MEINEIDBAUER) und Franz Grillparzer (DIE AHNFRAU), wirft einen sozialkritischen Blick auf Themen wie Abtreibung (FRAUENARZT DR. SCHÄFER) oder sexualisierte Gewalt (MÄDCHEN AM KREUZ) und zitiert den progressiven Sexualforscher Magnus Hirschfeld (DAS RECHT AUF LIEBE). Mit der Machtergreifung Hitlers wird jegliche Progressivität aber bald im Keim erstickt. Mit ihrem jüdischen Mann ins Exil nach Schanghai vertrieben, setzen die beiden hier ihre letzte Regiearbeit um. Als das Duo 1947 nach Wien zurückkehrt, hat sich die (Film-)Welt bereits zu sehr verändert. Louise Fleck verstirbt nur drei Jahre später. (Bianca Jasmina Rauch)

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Louise Fleck

»We are all of us stars,
and we deserve to twinkle.«

Marilyn Monroe