Retrospective
 

Höhenfeuer

Die »neue Welle« im Schweizer Kino 1964–1985

13.9.–19.10.2022

»Mit dem Schweizer Film ist es wie mit der Schweizer Marine: Niemand glaubt daran, aber es gibt sie«, so Alain Tanner, der in den 1960er-Jahren die »Welle« mit ins Rollen bringt. Und Hand aufs Herz: Fallen Ihnen ad hoc drei Filme ein? Trotz geografischer und kultureller Nähe ist das eidgenössische Kino hierzulande eine große Unbekannte. Mit Höhenfeuer präsentieren wir diese vielfältige, eigensinnige und immer wieder mit Überraschungen aufwartende Filmnation erstmals umfassend in Österreich und beleuchten eine ihrer spannendsten Epochen: als junge Autorenfilmer ihr Land einem kritischen Blick unterziehen und dabei Filmsprache und Selbstbewusstsein neu begründen.

 

Die Retrospektive findet in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse sowie mit großzügiger Unterstützung von Swiss Films statt. Am 13. und 14. September wird Frédéric Maire, Direktor der Cinémathèque suisse, kurze Einführungen zu den Filmen halten.


Höhenfeuer – Die »Neue Welle« im Schweizer Kino

Retrospektive vom 13. September bis 19. Oktober 2022

Kurator

Florian Widegger

Ticketreservierung

reservierung@filmarchiv.at
+43 1 512 18 03 (täglich 14:00–21:00)

Spielort

METRO Kinokulturhaus
Johannesgasse 4, 1010 Wien
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In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht das Schweizer Kino kaum von sich reden. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs ist das Land hauptsächlich als Motivgeber für auswärtige Produktionen interessant, erst ab Mitte der 1930er-Jahre kommt es zum Umschwung. Der Begriff der »geistigen Landesverteidigung« beginnt angesichts der Lage in Europa die Kulturpolitik zu prägen. Vor allem die von der Praesens-Film AG produzierten Filme feiern daraufhin nationale und internationale Erfolge und zeigen die Schweiz als Hort von Redlichkeit, Humanismus und schöner Landschaften. Etwa eine Dekade lang geht das gut, mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 50ern ändern sich die Zeiten jedoch erneut, und das Schweizer Kino versucht, ähnlich wie das österreichische, ihnen mit Kleinbürger- und Heimatfilmen gerecht zu werden – vergeblich.

 

Während in anderen europäischen Ländern 1960 Aufbruchsstimmung herrscht, scheint es bei den Eidgenossen nicht einmal Nachwuchs zu geben, um das Erbe anzutreten. Selbst das 1962 beschlossene Filmgesetz, mit dem sich der Staat zu engagieren versucht, wirkt dem entgegen. Das Wunder geschieht 1964 mit Alexander Seiler und Alain Tanner. Die beiden Mittdreißiger können zu dieser Zeit bereits auf beachtliche Erfolge im Ausland zurückblicken, haben sie mit SIAMO ITALIANI und LES APPRENTIS zwei Dokumentarfilme im Stil des Cinéma vérité vorgelegt, die erstmals die unmittelbare Lebensrealität in der Schweiz reflektieren und damit den Stein ins Rollen bringen. Schon zwei Jahre später finden erstmals die Solothurner Filmtage statt, bis heute das bedeutendste Festival für den Schweizer Film und wesentlicher Umschlagplatz für Gedanken, Inspirationen und Projekte.

 

So entwickelt sich innerhalb weniger Jahre eine komplett neue Kinematografie, die nicht nur beim heimischen Publikum, sondern auch auf Filmfestivals außerhalb auf Zuspruch stößt. Während im westlichen Teil des Landes – wohl auch aufgrund der Nähe zum cinephilen Frankreich – experimentierfreudige und innovative Spielfilme rasch aus dem Boden sprießen, zieht der deutsch-/italienischsprachige Osten mit etwas Verspätung und deutlichem Fokus auf dokumentarische Formen erst Anfang der 1970er-Jahre nach. Ein anderes Kino ist plötzlich möglich: In seinem Zentrum stehen Eigenbrötler und Außenseiter, die alleine oder in der Gruppe ihren Platz in der Gesellschaft suchen oder ihr mit allen Mitteln entkommen wollen – manchmal sogar beides gleichzeitig. Von solchen Widersprüchen lebt nicht nur der Schweizer Film, er bezieht daraus auch seine besondere Kraft und seinen Charme – und überrascht damit immer wieder aufs Neue. (Florian Widegger)

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»Mit dem Schweizer Film ist es wie mit der Schweizer Marine:
Niemand glaubt daran, aber es gibt sie.«

Alain Tanner

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