DIE STADT OHNE Eine Ausstellung zum Republiksjubiläum2.3. - 30.12.2018

DIE STADT OHNE

Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer

 

Es war einer der wichtigsten Filmfunde der letzten Jahre – auf einem Pariser Flohmarkt sind die seit über 90 Jahren verschollenen Teile des österreichischen Stummfilms DIE STADT OHNE JUDEN aufgetaucht. Als das Filmarchiv Austria 2016 die Wiederentdeckung der lange vermissten Szenen vermelden konnte, löste dies weltweite mediale Resonanz aus. Mit einer spektakulären Crowdfunding-Initiative ist die Restaurierung des vom chemischen Zerfall bedrohten Films gelungen.

 

Was dieser österreichische Stummfilm aus dem Jahr 1924, der das Thema Antisemitismus erstmals in seinen radikalen Konsequenzen darstellt, mit dem Hier und Heute zu tun hat, zeigt die neue große Ausstellung des Filmarchiv Austria zum Republiksjubiläum im METRO Kinokulturhaus. Kuratiert wird die Schau von Andreas Brunner, Barbara Staudinger und Hannes Sulzenbacher.

Die Ausweisung der Juden aus der Stadt, eine Schlüsselszene des Films DIE STADT OHNE JUDEN (A 1924)

»Die Stadt ohne Juden« nannte Hugo Bettauer 1922 seinen Roman, der die damals noch utopische Vorstellung einer Vertreibung der Juden aus Wien beschreibt. Die Verfilmung durch Regisseur Hans Karl Breslauer war 1924 bereits von Störaktionen der Nationalsozialisten begleitet, 1925 wurde Bettauer von einem Nationalsozialisten erschossen. Der Aufstieg der NSDAP in Österreich mit Mitteln des Terrors mündete im sogenannten Anschluss 1938. Was folgte, war die Vertreibung und Ermordung der mitteleuropäischen Jüdinnen und Juden im Holocaust.

DIE STADT OHNE JUDEN
FOTOS DER ERINNERUNG

 

Die »Stadt ohne Juden« – sie wurde 1938 in Wien Realität: Die Fotografien von Robert Haas zeigen verlassene Wohnungen. Es handelt sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um Auftragsarbeiten von vertriebenen Wiener Jüdinnen und Juden, die eine Dokumentation ihrer Wohnungen mit ins Exil nehmen wollten. Da sich nicht viele einen Fotografen leisten konnten, zeigen die Bilder nur einen kleinen Ausschnitt aus einem großen Panorama. Am 30. September 1938 floh Robert Haas schließlich selbst aus der Stadt. Sein umfangreiches Werk konnte er ebenfalls nach Amerika retten, der künstlerische Nachlass kam 2015 nach Wien zurück.

 

Fotografien leerer jüdischer Wohungen von Robert Haas 1937-1939, Wien Museum, Nachlass Haas

DIE STADT OHNE WEN?


Wie konnte es so weit kommen? Was muss passieren, dass gesellschaftliche Entwicklungen zu den extremsten Formen des Verbrechens führen? Hugo Bettauer hat mit »Die Stadt ohne Juden« bereits in den frühen 1920er-Jahren dazu eine messerscharfe Analyse dazu geliefert. Die Verfilmung zeigt dazu verstörende Bilder, doch die Wirklichkeit sollte die Fiktion auf unvorstellbare Weise übertreffen. Heute, 90 Jahre später, scheinen die Lehren aus der Geschichte – aus der Erfahrung des Holocaust – noch immer nicht gezogen zu sein. Anzeichen und Symptome wiederholen sich, der Prozess von der Polarisierung der Gesellschaft bis hin zum Ausschluss bestimmter Gruppen nimmt seinen Lauf.

Polarisierung


Der öffentliche Raum war immer ein Austragungsort für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, ein Resonanzkörper des Öffentlichen. In den 1920er-Jahren bestimmte der Kampf auf der Straße den Diskurs. Polarisierungstendenzen vollziehen sich aber nicht immer laut und explizit, sondern oft schleichend – und hinterlassen dabei Spuren im öffentlichen Raum. Neben Plakaten fungieren heute vor allem auch Graffiti und Aufkleber als Träger polarisierender Botschaften.

Wissen Sie, ich bin damals in der ersten Reihe gesessen, als Haider zum ersten Mal [...] die Arbeitslosenzahlen genannt hat und die Zahlen von Ausländern, die im Land sind, und die gegeneinander aufgerechnet hat. Das ist das kleine Einmal-eins wie man Menschen gegeneinander aufbringt.

Heide Schmidt
Demonstration der FPÖ gegen die Einrichtung eines Flüchtlingsheims in Wien-Liesing, 14. März 2016
Fotografie, Heribert Corn

»JE MEHR AUSLÄNDER VOM GELD DER WIENER LEBEN, DESTO ÄRMER WEREN DIE WIENER«

Die Flüchtlingskrise von 2015 machte die kurzfristige Schaffung von Notunterkünften unumgänglich. Parallel zur großen, auch spontanen Hilfsbereitschaft vieler Bürger_innen protestierten andere gegen Flüchtlingsheime in ihrer Wohnumgebung. Die Gegenüberstellung von Arbeitslosen- und Flüchtlingszahlen wurde bereits von Jörg Haider zur Polarisierung der Gesellschaft verwendet.

»500.000 ARBEITSLOSE / 400.000 JUDEN / AUSWEG SEHR EINFACH! WÄHLT NATIONALSOZIALISTEN«

Im Wahlkampf für die Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl im April 1932 setzte die NSDAP massiv auf antisemitische Propaganda und arbeitete dabei mit falschen Zahlen. So wurde die realistische Zahl von 500.000 Arbeitslosen in Relation zu 400.000 Jüd_innen gesetzt - mindestens doppelt so viele wie Anfang der 1930er-Jahre in Wien lebten.

Wahlwerbung der NSDAP zur Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl am 24. April 1932
Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek

»DAHAM STATT ISLAM«
Wahlplakat der FPÖ für die österreichische Nationalratswahl am 1. Oktober 2006
Fotografie, privat, Wien

 

Die Wahlkampfslogans der nun unter dem Vorsitz von HC Strache angeführten FPÖ sorgten auch international für Aufsehen.

 




»DEUTSCHE CHRISTEN – RETTET ÖSTERREICH«
Wahlplakat der Christlichsozialen Partei für die Nationalratswahl am 17. Oktober 1920 mit antisemitischen Anspielungen
Wienbliothek im Rathaus, Plakatsammlung







»WÄHLET SOZIALDEMOKRATISCH!«
Wahlplakat der Sozialdemokratischen Partei für die Nationalratswahl am 17. Oktober 1920
Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung

 

Kapitalismuskritik und Antisemitismus bilden hier eine Einheit.

Im 16. Wiener Gemeindebezirk hat ein ein Sammler rassistische Aufkleber sorgsam entfernt und eine private Dokumentation dazu angelegt.

Entscheiden Sie, welcher Partei die Urheberin oder der Urheber des jeweiligen Zitates angehört.

Dieses Spiel ist eine Neuauflage der gleichnamigen Installation aus der Ausstellung »Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Die Zweite Republik und ihre Juden«, Jüdisches Museum Wien, 20. April bis 4. Juli 2005. Für diese Version wurden die Zitate zum Teil aktualisiert und ergänzt. Konzeption: Felicitias Heimann-Jelinek, Zitatrecherche: Wiebke Krohn, Gerhard Milchram

 

»Gaskammern? Ich halte mich da raus! Ich glaube alles,
was dogmatisch vorgeschrieben ist.«


SPÖ

Falsche Antwort.


ÖVP

Falsche Antwort.


FPÖ

John Gudenus, Abgeordneter zum Nationalrat (FPÖ), 1995 bei einer Diskussion zur Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen eines Vernichtungskrieges 1941 bis 1944«, vlg. »Die braunen Rülpser der FPÖ«, kurier.at, 19. Juli 2017.


»SCHICKT ALLE 5.000 MIT EINEM ONE-WAY-TICKET
WIEDER ZURÜCK IN DIE TÜRKEI!«


ÖVP

Falsche Antwort.


FPÖ

Falsche Antwort.


Grüne

Efgani Dönmez, Bundesrat der Grünen, 2013, »Grün-Politiker: Schickt alle Pro-Erdogan Leute heim!« in Heute: 16. Juni 2013.


»Ich bin stolz darauf, ein hochgradiger Hitlerjunge gewesen zu sein.«


SPÖ

Leopold Wagner, Kärntner Landeshauptmann (SPÖ), 1975; vgl. »Lauter Punschkrapfen?« in  Falter Nr. 5/2004, S. 8-9


ÖVP

Falsche Antwort.


FPÖ

Falsche Antwort.


»Waldheim muss nicht zurücktreten, wenn man ihm nicht nachweisen kann,
dass er sechs Juden eigenhändig erwürgt hat.«


SPÖ

Falsche Antwort.


ÖVP

Michael Graff, Generalsekretär der ÖVP, 1986; vgl. »Rücktritt Graffs als ÖVP-Generalsekretär«, in: Neue Zürcher Zeitung, 20. November 1987, S. 3


FPÖ

Falsche Antwort.


Auch im Film wird die Straße zum Kampfplatz für xenophobische Ausbrüche. Im Wien der 1920er-Jahre herrschen Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und eine galoppierende Inflation mit rasanter Geldentwertung. Die Schuldigen sind rasch gefunden:





Während die jüdische Gemeinde
in der Synagoge feiert ...





... demonstrieren Menschen auf der Straße.

Sündenböcke


Eine probate Strategie des Populismus ist die bewusste Schaffung von Sündenböcken – in den 1920er-Jahren waren es die Juden, heute sind es Muslime, Flüchtlinge oder ganz allgemein: »die Ausländer«. Vor allem Künstler_innen und Intellektuelle traten gegen die Verhetzung auf. Mit »An allem sind die Juden schuld« lieferte der deutsche Komponist, Kabarettist und Musikdichter Friedrich Hollaender zur Melodie der »Habanera« aus Georges Bizets »Carmen« einen sarkastischen Kommentar zum schwelenden Antisemitismus, hier in einer historischen Aufnahme von Annemarie Hase aus 1931, die nie in den Handel kam:

Text: Friedrich Hollaender, Musik: Georges Bizet, Gesang: Annemarie Hase

»AN ALLEM SIND DIE JUDEN SCHULD«
Interpretiert von Annemarie Hase (1931)


Zur Melodie der »Habanera« aus Bizets »Carmen« lässt Friedrich Hollaender in seinem Couplet einen Nationalsozialisten auf »die Juden« schimpfen - die an allem Übel in der Welt schuld sein sollen - und entlarvt dabei die antisemitischen Argumentationsmuster auf pointierte Weise. Der Refrain, in dem die »Argumentation« ad absurdum geführt wird, treibt die Satire auf die Spitze.





Im Film werden die Juden als geldgierige Spekulanten und Krisengewinner dargestellt ...





... während das Volk unter den steigenden Preisen leidet. Am Markt entlädt sich die Wut.

In den 1980er-Jahren wurden »die Ausländer« – vor allem jene, die als »Gastarbeiter« nach Österreich gekommen und zunächst höchst willkommen waren – allmählich zum Feindbild. Der Karikaturist Manfed Deix nahm in der ÖGB-Jungendzeitschrift »Hallo« im November 1986 auf diese Entwicklung Bezug.

Karikatur von Manfred Deix in der ÖGB-Jugendzeitschrift Hallo 11/1986, Ljubomir Bartić Wien

Empathieverlust


In den 1930er-Jahren radikalisierte sich das gesellschaftliche Klima zwischen den großen weltanschaulichen Parteien, den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten. Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten verstärkte sich der Antisemitismus zusätzlich.






In DIE STADT OHNE JUDEN weicht der Bundeskanzler der Republik Österreich dem Druck der Straße und beschließt trotz Bedenken seines Kabinetts die Ausweisung der Juden.

14 Jahre nach der Filmpremiere wird DIE STADT OHNE JUDEN von der Wirklichkeit eingeholt. Ein beklemmendes Amateurfilmdokument, entstanden im Frühjahr 1938 zeigt eine »Reibpartie« in Wien.

Filmausschnitt aus AMATEURAUFNAHMEN WIEN, FRÜHJAHR 1938
Österreichisches Filmmuseum

»REIBPARTIE«, WIEN 1938
Österreichisches Filmmuseum

http://efilms.ushmm.org/

Die Monate nach dem »Anschluss« waren durch pogromartige Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gekennzeichnet. Bei den sogenannten Reibpartien wurden Jüd_innen gezwungen, Straße und Gehsteige von politischen Parolen für die Souveränität Österreichs und gegen den Nationalsozialismus zu säubern - in Gegenwart eines schadenfrohen Wiener Publikums.

Die erste Reibpartie sah ich auf dem Praterstern. [...] SA-Leute schleppten einen bejahrten jüdischen Arbeiter und seine Frau durch die beifallklatschende Menge. […] »Arbeit für die Juden, endlich Arbeit für die Juden!« heulte die Menge.

Daily-Telegraph-Korrespondent G. E. R. Gedye

Im Gefolge der großen Flüchtlingsbewegung 2015 zeigt sich – trotz anfänglich vor allem auch ziviler Anteilnahme und Hilfsbereitschaft – ein neuerlicher Empathieverlust. Menschen kamen in »Strömen« und »Wellen«, die nun nach »Obergrenzen« verlangen, aus Notleidenden wurden Eindringlinge, die Wohlstand und Stabiltät bedrohen, Diskurse dazu werden im öffentlichen Raum und in den sozialen Medien geführt.

Mistkübel in 1220 Wien mit rassistischer Beschmierung, 11. Juni 2017, Fotografie Alexia Weiss, Wien

Die Kategorisierung von Muslimen als »Menschenmüll« erinnert an nationalsozialistische »Rassenhygiene«.

Facebook-Posting vom 20. Juli 2015, Screenshot, privat

»FLAMMENWERFER WÄHRE DA DIE BESSERE LÖSUNG GEWESEN«

Tausende Facebook-User begeisterte eine Aktion der Freiwilligen Feuerwehr Feldkirchen an der Donau, die mit einem Löschfahrzeug in einer Flüchtlingsunterkunft für Abkühlung und lachende Kindergesichter sorgte. Ein 17-jähriger Lehrling kommentierte das Foto mit: »Flammenwerfer währe da die bessere Lösung gewesen«.

Brutalisierung


Wenn alle Hemmschwellen fallen, wird auch körperliche Gewalt eingesetzt. Bereits der Stummfilm zeigt deutlich die in den 1920er-Jahren wohl noch seltenen körperlichen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung. Die Brutalisierung gegenüber stigmatisierten Mitbürger_innen ist auch in der jüngeren Geschichte Österreichs wieder ein Thema.

Das sogenannte Heckerlied, ursprünglich ein Revolutionslied von 1848/49, wurde vor allem durch seine antisemitischen Textvarianten berühmt. »Wenn Judenblut vom Messer spritzt« wurde bereits in den 1920er-Jahren gesungen, später wurde das Lied von der Nationalsozialistischen Propaganda aufgegriffen und zum »Sturmlied« der SA. Die österreichische NSDAP rief damit bereits 1932 offen zu Gewalt und Mord an Juden auf.

Werbeplakat der österreichischen NSDAP für die Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl am 24. April 1932 Österreichische Nationalbibliothek, Plakatsammlung

Unten auf der Straße liefen die Nazibuben herum, mit ihren kleinen spitzen Dolchen, und sangen das Lied vom Judenblut, das vom Messer spritzt. Man mußte nicht sehr schlau sein, um das zu verstehen.

Ruth Klüger

Liederbuch der Pennalen Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt

Dokumentationsarchiv des österreichischen Wiederstandes, Sammlung Rechtsextremismus

 

Zur Brutalisierung der Politik gegen Minderheiten gehört auch die sprachliche Verrohung, oft gepaart mit entmenschlichenden Texten oder unverhohlenen Drohungen. Im Zuge der Berichterstattung zur Landtagswahl in Niederösterreich brachte die Falter-Journalistin Nina Horaczek ein Liederbuch der Wiener Neustädter Burschenschaft »Germania« an die Öffentlichkeit, das zahlreiche rassistische, antisemitische und deutschnationale Textstellen enthält. Der Vizevorsitzende der Burschenschaft, Udo Landbauer, war gleichzeitig Spitzenkandidat der FPÖ Niederösterreich. Nach einigem Zögern legte Landbauer seine politischen Funktionen zurück, gegen die Burschenschaft wurde ein behördliches Auflösungsverfahren eingeleitet.

BENGALISCHE FEUER

Am 9. Juli 2017 bestiegen drei Aktivisten der oberösterreichischen »Identitären« das Gebäude des Islamischen Kulturvereins ALIF in Linz, enthüllten ein Transparent mit der Aufschrift »Wieviele Tote noch? Islamisten abschieben!« und entzündeten bengalische Feuer. Bereits im Jahr zuvor waren zwei Anschläge auf muslimische Einrichtungen in Linz verübt worden.

Störaktion der »Identitären auf dem Dach einer Linzer Moschee, 9. Juli 2017
ALIF (Austria Linz Islamische Föderation)
Tatortfoto

Gerhard Gradwohl/AP-Photo/picturedesk.com

ATTENTAT VON OBERWART, 4. FEBRUAR 1995

Am 4. Februar 1995 wurden die vier Roma Peter Sarközi, Josef Simon sowie Karl und Erwin Horvath in Oberwart durch eine Sprengfalle ermordet. Die Rohrbombe war an einem Schild mit der Aufschrift »Roma zurück nach Indien« angebracht. Der Attentäter Franz Fuchs, der aus rassistischen Motiven insgesamt zwei Rohrbombenanschläge und sechs Briefbombenserien verürbte, nahm sich später in der Haft das Leben

AUSSCHLUSS

 

Die unverhohlene Forderung nach dem Ausschluss, der Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen kann in einer gespaltenen, entsolidarisierten Gesellschaft zur staatspolitischen Position werden. In DIE STADT OHNE JUDEN greift der Bundeskanzler die vermeintliche Mehrheitsstimmung auf und bestimmt mit dem »Judengesetz« die Ausweisung.

 

Zur Zeit der Veröffentlichung von Roman und Film tauchten bereits die ersten Plakate auf, die tatsächlich die Ausweisung der Juden forderten. Die Vorstellung, dass die vermeintliche Lösung in der Abschiebung von bestimmten Menschengruppen liegt, hält sich bis in die Gegenwart. Oft im Schutz der Anonymität manifestieren sich solche Forderungen wieder vermehrt in den sozialen Medien und auch im öffentlichen Raum.

Die Parlamentsdebatte mit der Verabschiedung des »Judengesetzes« durch den Bundeskanzler.
Plakat des »Völkisch-antisemitschen Kampfausschußes« zu drei Versammlungen, Wien 1923 Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung

»OSTJUDEN HINAUS!«

»Ostjuden«, also aus dem Osten der ehemaligen Habsburgermonarchie stammende jüdische Flüchtlinge oder Migrant_innen, standen seit Karl Lueger im Zentrum antisemitischer Hetze. Ihnen wurden in gleichem Maße Kulturlosigkeit und mangelnde Assimilation wie schnell durch Börsenspekulation erworbener Reichtum vorgeworfen. Schon früh wurde daher die Forderung nach dem Ausschluss der »Ostjuden« laut.

»ALLE JUDEN HINAUS!«

Der nationalsozialistische »Volkskampf« warb für sich mit dem Slogan »Alle Juden hinaus!«. Mit der Vertreibung der Juden sollte die Wohnungsnot beseitigt, Mädchenhandel und Abtreibung unterbunden und der Universitätszugang nur noch »Ariern« erlaubt sein. Zudem hetzte das Kampfblatt gegen die »Judenpresse« und warf ihr vor, Falschinformationen und Unwahrheiten - heute »Fake News« zu verbreiten.

Werbeplakat für den »Volkskampf«, Wien 1927
Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung

Die Stadt ohne Juden als Fiktion?

In der Verfilmung von Hugo Bettauers Roman »Die Stadt ohne Juden« wurde der brisante Stoff abgeschwächt. Der reale Schauplatz Wien heißt im Film »Utopia«, ebenso vermied Regisseur Hans Karl Breslauer konkrete realpolitische Bezüge. Die politische Botschaft wurde dennoch verstanden. In der Fiktion findet die mit dramatischen, dokumentarisch anmutenden Bildern erzählte Geschichte der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ein versöhnliches Ende, nach der Rücknahme des Ausweisungsgesetzes begrüßt der Wiener Bürgermeister den ersten Heimkehrer euphorisch mit »Mein lieber Jude!«.

Der Mord an Hugo Bettauer


Als der arbeitslose Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 das Redaktionsbüro Hugo Bettauers in der Wiener Lange Gasse betrat, um ihm »das Handwerk zu legen«, hatten die nationalsozialistische und christlichsoziale Politik und Presse schon einen jahrelangen Kampf gegen den Schriftsteller geführt. Die »Ausrottung« des »jüdischen Sittenverderbers« Bettauer wurde lautstark gefordert, da alle juristischen und propagandistischen Versuche, ihn mundtot zu machen, gescheitert waren. Am 26. März 1925 verstarb Hugo Bettauer im Alter von 52 Jahren den Folgen des Attentats.

Strafsache gegen Otto Rothstock, Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Landesgericht für Strafsachen A11 - Vr-Strafakten: Vr 1748/1925

TATORTSKIZZE

 

Unmittelbar nachdem Otto Rothstock am 10. März 1925 kurz nach 15 Uhr die Redaktionsräume betreten und einem Brief übergeben hatte, feuerte er vier Schüsse auf Hugo Bettauer ab. Dieser flüchtete ins Nebenzimmer und brach dort zusammen. Bevor sich Rothstock widerstandslos der Polizei ergab, zerriss er die auf Bettauers Schreibtisch liegenden Briefe, Karten und Fotografien, deren Schnipsel in der Tatortskizze penibel eingezeichnet sind.

WIENER BILDER
Zeitschrift, 15. März 1925 

Österreichische Nationalbibliothek, Druckschriftensammlung

COVER VON DIE STADT OHNE JUDEN
Hugo Bettauer, 1922

Bettauers satirischer Roman »Die Stadt ohne Juden« empörte die Rechten und Konservativen genauso wie seine aufklärerischen Zeitschriften. »Er und Sie« und Bettauers Wochenschrift, in denen er für Frauen- und Homosexuellenrechte, das Recht auf Abtreibung und die sexuelle Befreiung aus dem Joch der Ehe eintrat. Der Prozess gegen seinen Mörder Rothstock, der für unzurechnungsfähig erklärt wurde, endete mit einem milden Urteil. Vielmehr wurde mit Bettauer abgerechnet: mit seinem Eintreten für die Öffnung einer repressiven Sexualmoral und mit seiner Demaskierung des Antisemitismus.

Das Attentat auf Hugo Bettauer erfuhr in allen Wiener Zeitungen eine breite Berichterstattung. Reagiert die linke Presse mit Bestürzung und Wut, goss die rechte Häme über das Opfer und verteidigte den Attentäter, über dessen Motive wilde Spekulationen kursierten. Die Wiener Bilder setzten Bilder des Tatorts auf ihre Titelseite und wurden so der Sensationslust ihres Publikums gerecht.

 

Strafsache gegen Otto Rothstock, WStLA, Landesgericht für Strafsachen, A 11 - Vr-Strafakten: Vr 1748/1925

ZERRISSENE SCHRIFTSTÜCKE

Die Briefe seiner Leser_innen waren für Hugo Bettauer wichtiges Material für seine Zeitschriften Er und Sie und Bettauers Wochenschrift. Mit ihrere Beantwortung konnte er publikumswirksam Aufklärung betreiben, Ratschläge zu sexuellen Problemen erteilen oder Fragen der Emanzipation aufgreifen. Nach dem Attentat zerriss Otto Rothstock die auf Bettauers Schreibtisch befindlichen Schriftstücke.

»MORD AN DER SEELE UNSERER JUGEND ...«

Auch nach seinem Tod blieb Bettauer ein Hassobjekt der Rechten. Ende 1926 wurde Rothstock in die Psychiatrische Klinik Am Steinhof überstellt, was viele Zeitungen veranlasste, Rothstock schon für entlassen zu erklären, obwohl er erst am 30. Mai 1927 tatsächlich freikam. Die laut Eigendefinition antisemitische und irredentistische, also großdeutsche Zeitschrift »Volkskampf« warb mit dem Feindbild Bettauer und dem Mörder Rothstock.

Werbeplakat für den nationalsozialistischen »Volkskampf«, Wien 1927
Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung

INTERVIEW MIT OTTO ROTHSTOCK

In einem Interview für die ORF-Sendung TELEOBJEKTIV brüstete sich der inzwischen in Niedersachsen als »Pornojäger« tätige Otto Rothstock 1977 mit Bettauers Ermordung. Er habe »immer ein gutes Gewissen gehabt«, würde heute »wohl so einen kleinen Schriftsteller nicht mehr aufs Korn nehmen«. Um die wahren Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, wäre aber »eine Tonne Dynamit nötig«.

»Der Mann, der Hugo Bettauer erschoß«
TELEOBJEKTIV 23.2.1977, ORF

DIE STADT WIRD »JUDENREIN«


Die letzte Konsequenz und Eskalation des Judenhasses war der Massenmord, dem seit dem »Anschluss« 1938 pogromartige Ausschreitungen und zahllose Plünderungen vorangegangen waren. Mehr als 120.000 Jüdinnen und Juden gelang die Flucht ins Exil. Zuvor hatte man ihnen ihr Hab und Gut geraubt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 begann eine neue Phase der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Jüdinnen und Juden wurden aus ihren Privatwohnungen in Sammelunterkünfte gezwungen und mussten sich schließlich mit einem gelben Stern (»Judenstern«) auf ihrer Kleidung öffentlich kennzeichnen. Ab Herbst 1941 begannen die Deportationen aus Wien in den Osten, in die nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Sigmund Freud Museum, Wien

KABINENKOFFER VON SIGMUND FREUD«

Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Österreich schloss auch prominente Persönlichkeiten wie den weltberühmten Begründer der Psychoanalyse mit ein. An einer Seitenwand des Koffers ist eine Vignette mit der Beschriftung »Wien Westbahnhof - London« zu sehen, die das Schicksal der Familie Freud lapidar zusammenfasst auch auf die Vertreibung all jener verweist, die vor den Nationalsozialisten aus Österreich fliehen mussten. Vier der fünf Schwestern Freuds blieben in Wien zurück, wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

REZEPTSAMMLUNG

Edith Käufler wurde 1922 in Wien geboren. Nach dem »Anschluss« floh ihre Familie nach Prag, wo ihr Vater 1940 starb. Edith und ihre Mutter Elisabeth wurden zunächst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Dort wurde Elisabeth Käufler ermordet. Edith überlebte und emigrierte 1947 in die USA, wo sie einige persönliche Sachen ihrer Familie, die Freunden anvertraut worden waren, wieder in Empfang nehmen konnte. Die Rezeptsammlung, die über Generationen geführt worden war, ist eine der wenigen erhaltenen Erinnerungen an ihre Wiener Heimat. Edith Friedlander heiratete im Exil und lebt in New York.

Schuber mit Kochrezepten der Familie Käufler/Friedlander
Privatbesitz Edith Friedlander, New York

»TOTENMASKE UND STUNDENGLAS«
Heinz Geiringer (1926-1945), entstanden in einem Versteck in Amsterdam zwischen 1942 und 1944, Verzetsmuseum Amsterdam

 

Die Familie Geiringer wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und flüchtete 1938 aus Wien. Ab Juli 1942 hielt sich das Ehepaar mit den beiden Kindern in Amsterdam versteckt, bis sie im Mai 1944 verraten und nach Auschwitz deportiert wurden. Heinz Geiringer und sein Vater Erich wurden am 18. Jänner 1945 von Auschwitz ins KZ Mauthausen gebracht und in das Außenlager Ebensee eingewiesen. Erich Geiringer starb dort am 7. März 1945, Heinz Geiringer am 26. April. Seine Mutter Elfriede und seine jüngere Schwester Eva überlebten.

Ich war kein Ich mehr und lebte nicht in einem Wir. Ich hatte keinen Pass und keine Vergangenheit und kein Geld und keine Geschichte.

Jean Améry

Mehr als 66.000 Österreicher_innen jüdischer Herkunft wurden bei Massenerschießungen, in Gaswägen oder in den Gaskammern der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager ermordet. Viele gingen in den Lagern an Hunger, Krankheit und Erschöpfung zugrunde. Von der größten deutschsprachigen jüdischen Gemeinde überlebten in Wien nur etwa 5.000 Personen.

Interview mit einem der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen
ZIB 24, 5. Mai 2017 ORF

INTERVIEW MIT ABA LEWIT

Der 1923 in Polen geborene Aba Lewit wurde zu Kriegsbeginn mit seiner Familie in das berüchtigte KZ Plaszow unter dem österreichischen Kommandanten Amon Göth deportiert, wo es ihm trotz schwerster Verletzungen gelang, mehrere Jahre zu überleben. 1943 kam er mit einem Transport in das KZ Mauthausen, wo er nacht im Steinbruch arbeiten musste und schließlich im Mai 1945 befreit wurde. Sein Appell an die Menschlichkeit war eines der meistgesehenen Videos des ORF im Jahr 2017.

»AUSLÄNDER RAUS!« - Schlingensief

»AUSLÄNDER RAUS!«

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 ließ der Künstler und Theatermacher Christoph Schlingensief als Reaktion auf die in diesem Jahr angelobte ÖVP/FPO-Koalitionsregierung neben der Staatsoper in Anspielung an die Reality-Show »Big Brother« ein von Asylwerber_innen bewohntes Containerdorf aufstellen und das Publikum über die Abschiebung der »Asylanten« abstimmen. Ähnlich wie Bettauer in Die Stadt ohne Juden verarbeitete Schlingensief mit seiner Aktion »Bitte liebt Österreich!« die politische Lage in einer provokanten künstlerischen Satire.

AUSLÄNDER RAUS. SCHLINGENSIEFS CONTAINER, Paul Poet, A 2002
Filmgalerie 451 Berlin

DIE STADT OHNE JUDEN - DIE GESCHICHTE EINER FILMRETTUNG


Der Stummfilm DIE STADT OHNE JUDEN gilt heute nicht nur als eine der wichtigsten österreichischen Produktionen der Zwischenkriegsjahre, sondern weltweit als erstes explizites filmkünstlerisches Statement gegen den Antisemitismus. Mit der Wiederentdeckung der fehlenden Teile des Films in Frankreich wurde die Basis für eine umfassende Rekonstruktion und Restaurierung von DIE STADT OHNE JUDEN gelegt.

Neu entdeckte Szenen aus DIE STADT OHNE JUDEN (A 1924)

Die nun mögliche Rekonstruktion lässt DIE STADT OHNE JUDEN in neuem Licht erscheinen. Enthalten ist der bisher verschollene Schluss, mit den weiteren aufgefundenen Szenen wird eine offensichtlich dramaturgisch angelegte Parallel-Erzählung sichtbar. Bisher unbekannte Bilder zeigen das jüdische Leben in Wien mit klar antisemitischer Konnotation. Die berühmte expressionistische Szene mit Hans Moser als rabiaten Antisemiten ist erstmals komplett überliefert. Insgesamt wird nun die politische Aussage des Films und die Darstellung des mörderischen Antisemitismus in Wien im Gefolge des Ersten Weltkrieges wesentlich schärfer artikuliert.

Aufgrund der beginnenden chemischen Zersetzungen des neu entdeckten Filmmaterials musste rasch gehandelt werden, um dieses einmalige kulturhistorische Dokument zur Geschichte des jüdischen Lebens und des Antisemitismus in Wien vor dem Verfall zu retten. Dazu hat das Filmarchiv Austria die bisher größten Crowdfunding-Initiative im Kulturbereich initiiert – mehr als 700 private Filmretter haben dabei ein kleines Wunder bewirkt: erstmals wurde eine große Filmrestaurierung in Österreich durch das Engagement der Zivilgesellschaft möglich gemacht. Mit der dadurch ausgelösten weltweiten medialen Resonanz avancierte DIE STADT OHNE JUDEN zum internationalen Symbol für das filmische Erbe des Landes.

Im Jahr des Republiksjubläums präsentiert das Filmarchiv die neu rekonstruierte und restaurierte Fassung des Films nach der Welturaufführung im METRO Kinokulturhaus am 21. März 2018 an verschiedenen Orten in Wien, in den Bundesländern und auch im Rahmen einer internationalen Tournee.