125 Jahre Kino Die ersten Filmvorführungen in Österreich

k. k. Kinopremiere

Die Projektionslampe zischt, ein erster Lichtschimmer erstrahlt auf der Leinwand. Im verdunkelten Saal herrscht gespannte Stille. Langsam setzt das Rattern des Projektors ein, und dann passiert Unglaubliches – eine Illusion, wie sie die besten Zauberkünstler bisher nicht zu erzeugen vermochten: Auf der Leinwand beginnen sich Menschen zu bewegen, Arbeiter verlassen die Fabrik.

Wie im wirklichen Leben.

LA SORTIE DE L'USINE LUMIÈRE À LYON (ARBEITER VERLASSEN DIE LUMIÈRE-WERKE), F 1895

Ungläubige Blicke, Staunen, Applaus … Am 20. März 1896 ereignet sich in einem Vortragssaal der k. k. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in der Westbahnstraße 25 in Wien-Neubau der kinematografische Urknall in Österreich. Mitglieder der Photographischen Gesellschaft und Journalisten werden Zeugen der ersten Filmvorführung.

Höhere Graphische Bundes-Lehr und Versuchsanstalt, Westbahnstraße 25, 1070 Wien
Mitglieder der Photographischen Gesellschaft, ca. 1877

Die Location ist sorgfältig ausgewählt, gilt »die Graphische« zu dieser Zeit nicht nur als ein international höchst angesehenes Kompetenzzentrum für Reproduktionstechnologien, sondern Wien – neben Paris – auch als europäische Hauptstadt der Fotografie.

Josef Maria Eder (1855–1944)





Der Direktor des Instituts, Josef Maria Eder, hat sich persönlich um diese besondere Kinopremiere bemüht und die Firma Lumière nach Wien eingeladen. Organisiert wird die Vorstellung von Eugène Dupont, einem der wichtigsten Mitarbeiter der Gebrüder Lumière.

DIE BRÜDER LUMIÈRE

Auguste und Louis Lumière, ca. 1900

Bereits am 22. März 1895 präsentieren die Gebrüder Lumière ihre »lebenden Photographien« vor der Société d’Encouragement à l’Industrie Nationale in Paris. Mit ihrer Erfindung, einem Gerät namens Cinématographe, können sie Filme aufnehmen und wiedergeben.

Cinématographe Lumière, 1896

Im Unterschied zu anderen Kinopionieren sind die Lumières aber auch Marketing-Genies. Am 28. Dezember 1895 inszenieren sie im Grand Café in Paris die erste öffentliche Filmvorführung überhaupt. Danach erobert der Cinématographe Lumière die Welt.

In Paris wie auch in Wien erregt ein Film besonderes Aufsehen:

L'ARRIVÉE D'UN TRAIN EN GARE DE LA CIOTAT (DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT), F 1895

L’ARRIVÉE D’UN TRAIN EN GARE DE LA CIOTAT (DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT) ist der wohlkalkulierte Höhepunkt und Abschluss des ersten Filmprogramms der Brüder Lumière. Legendär ist die Reaktion des Publikums, das vor dem so lebensecht herannahenden Zug in Deckung geht.

»Es fängt an, unheimlich zu werden«

notiert das sichtlich verblüffte Illustrirte Wiener Extrablatt anlässlich der Wien-Premiere. »Wir betonen, es sind nicht todte Figuren, die man sieht, sondern sich bewegende Gestalten mit all ihren Arten und Unarten, und nicht eine, oder zwei Figuren, sondern Hunderte auf einmal.«

Illustrirtes Wiener Extrablatt, 5.4.1896

Die erste öffentliche Filmvorführung

Nach der erfolgreichen Premierenvorstellung in der k. k. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt übersiedelt Eugène Dupont mit den »lebenden Photographien« in die Wiener Innenstadt und organisiert am 20. März im 1. Stock des Hauses Kärntner Straße 45/Krugerstraße 2 die erste öffentliche Filmvorführung in Österreich.

Kärntner Straße 45, Eingang Krugerstraße 2, 1010 Wien

Das Premierenprogramm umfasst folgende Titel:

 

LA SORTIE DE L’USINE LUMIÈRE À LYON (ARBEITER VERLASSEN DIE FABRIK)
LYON: PLACE DES CORDELIERS (PLATZ IN LYON)
NICE: CARNAVAL (FESTZUG IN NIZZA)
ENFANTS JOUANT AUX BILLES (SPIELENDE KINDER)
L’ARRIVÉE D’UN TRAIN EN GARE DE LA CIOTAT (DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEN BAHNHOF LA CIOTAT)
PARTIE DES CARTES (EINE KARTENPARTIE)
ARROSEUR ET ARROSE (DER BEGOSSENE GÄRTNER)
BAIGNADE EN MER (SEEBAD)
DEBARQUEMENT DU CONGRÈS DE PHOTOGRAPHES A LYON (ANKUNFT EINES DAMPFSCHIFFES)

L'ARROSEUR ARROSÉ (DER BEGOSSENE GÄRTNER), F 1895

DER KAISER BESUCHT DAS KINO

Am 27. März 1896 beginnen in der Krugerstraße 2 unter der Leitung von Dupont regelmäßige Vorführungen »lebender Photographien«. Gekurbelt wird täglich von 10 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends, der Eintritt beträgt 50 Kreuzer. Die Lumière’sche Schaustellung erregt bald großes Aufsehen in der Stadt. Am 17. April besucht schließlich der Kaiser höchstpersönlich den Cinématographe, zu Mittag triff er im Haus Krugerstraße ein, wo er von Dupont empfangen wird.

Kaiser Franz Joseph I.
REPAS DE BÉBÉ (BABYS FRÜHSTÜCK), F 1895

»Der Monarch wurde in den großen Saal geleitet, der für das Publikum aufgesperrt war. Nachdem der Monarch auf dem vorbereiteten Fauteuil Platz genommen, begann die Vorführung der Bilder. Zunächst wurde Bebes Frühstück vorgeführt, das dem Kaiser ausgezeichnet gefiel. […] Besonders lobend äußerte sich der Kaiser über das Meer und den Eisenbahnzug und man hörte, wie der Kaiser, zu Herrn Dupont gewendet, wiederholt ausrief

›Ah, c'ést magnifique!‹

Nach der Vorführung der Bilder ließ sich der Kaiser in die Kammer führen, in welcher der Apparat eingehend besichtigt wurde. Der Monarch lobte die überraschende Einfachheit desselben und spendete der genialen Erfindung warmes Lob. Nach einem Aufenthalte von 25 Minuten verließ der Kaiser das Etablissement, von dem auf der Straße versammelten Publikum acclamiert.«

(Wiener Montags-Post, 20.4.1896)

KINO FINDET STADT

Der Erfolg der ersten Filmvorführungen ist derart groß, dass der Cinématographe Lumière sein Wiener Gastspiel verlängert. Dazu wird die Schaustellung im Mai 1896 in das Gebäude Kärntner Straße 39/Ecke Annagasse übersiedelt, wo der Betrieb fast ein Jahr lang, bis 11. Mai 1897, reüssiert. Am 28. Mai 1896 erhält Eugène Dupont die erste Vorführlizenz für einen Kinobetrieb in Österreich, die Bewilligung sieht vor, dass »in jeder der beiden Räumlichkeiten je ein Gefäß mit Wasser samt befeuchteten Kotzen [grober Wollstoff, Anm.] bereit zu halten« wäre.

Inserat Cinématographe mit der Ankündigung von Wiener Lokalaufnahmen, Wiener Zeitung, 12.7. 1896

DIE ERSTEN FILMAUFNAHMEN IN ÖSTERREICH

Um die Attraktivität der Schaustellung zu erhöhen, ist es die Aufgabe der Vertragspartner vor Ort, das Lumière’sche Standardprogramm mit lokalen Aufnahmen zu ergänzen. Ein naheliegendes Motiv findet sich direkt vor dem Eingang zum Cinématographe. Hier entsteht Anfang Juni 1896 einer der allerersten auf österreichischem Boden gedrehten Filme.

VIENNE. ENTRÈE DU CINÉMATOGRAPHE (WIEN. EINGANG ZUM CINÉMATOGRAPHE LUMIÈRE), F 1896 / Kärtnerstraße 39, März 2021

Eine weitere Filmaufnahme zeigt den Ring (LE RING).

LE RING (DER RING), F 1896

PRATERKINO

Das Zentrum der Wíener Vergnügungskultur ist der Prater. Schnell entdecken die Operateure der Firma Lumière das berühmte Unterhaltungsviertel und filmen dort die Prater Hauptallee.

RETOUR DES COURSES, F 1896







Mit großer Neugier beobachten die Prater-Schausteller die Aktivitäten der Lumières, und bald schon setzt ein Wettlauf um die Projektoren und Filme ein. Gabor Steiner, Leiter des Prater-Megaspektakels »Venedig in Wien«, schafft es bereits am 8. August 1896, mit einem auf abenteuerliche Weise aus Paris besorgten Projektor Filmvorführungen zu organisieren. Ebenfalls im August werden im sogenannten Thiergarten kinematografische Vorstellungen gegeben.

Praterkino Stiller, 1898

Ende 1896 eröffnet Josef Stiller mit seiner Mutter Josefine Kirbes in ihrer umfunktionierten Schaubude das erste ständige Praterkino, das bis 1919 bestehen sollte.

Praterkino Klein, 1905
Praterkino Klein, 1906

KINOWELT

Was die Lumières in den Metropolen der Welt begonnen haben, setzen die Schausteller in der lokalen Welt fort. Ausgehend vom Wiener Prater präsentieren ambulante Schausteller-Kinos Filme bald auch in den Provinzstädten und kleinen Dörfern. Schon nach wenigen Jahren erreicht das neue Medium große Popularität. Das anfangs so ungewohnte Sehen »lebender Photographien« wird zu einer vertrauten Alltagserfahrung.

125 Jahre später sind die bewegten Bilder weltweit das kulturelle Leitmedium. Pro Minute werden allein auf YouTube 400 Stunden Videomaterial hochgeladen, jeden Tag über eine Milliarde Stunden Film gesehen. Eine unheimliche Bilderflut, die nicht nur das Vorstellungsvermögen der Lumières überschritten hätte.

125 Jahre Kino

im digitalen Heimkino

Geschichten des Kinos

Mit Nikolaus Wostry

125 jahre kino

zu hause erleben