Retrospektiven
 

MÜNCHNER FREIHEIT

Eine Stadt und das Kino

1.3.–4.4.2019

Wenn langsam, aber sicher der Frühling ins Land zieht, erblüht auch auf der Leinwand das pralle Leben. Wir laden zu einer ungewöhnlichen Reise in die bayrische Metropole ein und erkunden ihre vielseitig in Szene gesetzte(n) Geschichte(n): vom Stummfilm, der bei seiner Premiere angeblich einige in den Wahnsinn trieb, über Nachkriegszeitdokumente hin zu Klassikern, Kult und Valentinaden, von kleinen experimentellen Utopien und gesellschaftspolitischen Alltagsskizzen aus »swinging Schwabing« bis zu heutigen Liebeserklärungen an die Stadt, deren Geheimnisse wir möglicherweise ein wenig lüften. Folgen Sie uns nach München!


Münchner Freiheit

Retrospektive vom 1. März bis 4. April 2019

Kuratoren

Florian Widegger, Bernd Brehmer

Ticketreservierung

reservierung@filmarchiv.at
+43 1 512 18 03 (täglich 15:00-21:00)

Spielort

METRO Kinokulturhaus
Johannesgasse 4, 1010 Wien
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»Zwischen Kunst und Bier ist München wie ein Dorf zwischen Hügeln hingelagert«, schreibt schon Heinrich Heine, und diese etwa 200 Jahre alte Einschätzung mag dem Wesen der Stadt noch heute recht nahe kommen. Sie entkräftet seit jeher den scheinbaren und viel beschworenen Widerspruch zwischen erbaulicher Hochkultur und einfachen Vergnügungen, die selten so gut zusammenfinden wie hier. Eine Prämisse, der auch die Auswahl folgt, die 100 Jahre Stadt- und somit Filmgeschichte in über 20 Programmen zu fassen sucht.

 

Die frühesten Aufnahmen gehen dabei zurück ins Jahr 1919. Nach der Abschaffung der Monarchie rufen Anarchisten und Kommunisten im April kurzzeitig die Räterepublik aus – der Erste Weltkrieg kehrt in Form eines heftigen Bürgerkriegs zurück in die Stadt. Unter diesem Eindruck steht auch das an vielen Originalschauplätzen gedrehte expressionistische Drama NERVEN des Exil-Österreichers Robert Reinert. Die entbehrungsreichen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Kontinuitäten zwischen NS- und Nachkriegszeit reflektiert der Heimkehrer-Film ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN.

 

Besonders frische Blüte erlangt das Münchner Kino Ende der 1960er-Jahre, als vor allem Schwabing zum Dreh- und Angelpunkt junger FilmemacherInnen wird, die, stark inspiriert von der französischen Nouvelle Vague, neue Bewegung in die leicht verschlafene Filmstadt bringen. Der »Münchner Gruppe« rund um May Spils, Rudolf Thome, Klaus Lemke, Marran Gosov oder Martin Müller gelingt, was den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests in den meisten Fällen verwehrt bleibt: anspruchsvoll, experimentierfreudig, verspielt zu sein und gleichzeitig ein breites Publikum zu erreichen. ROTE SONNE, ENGELCHEN ODER DIE JUNGFRAU VON BAMBERG, JET GENERATION und vor allem natürlich ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN sind kleine Utopien und Alltagsskizzen, die die sozialen Umbrüche jener Dekade reflektieren: das Leben in Kommunen, alternative Beziehungsformen, sexuelle Revolution und die Emanzipation der Frau.

 

Dass solcherart verquere Ideen nicht bei allen auf Gegenliebe stoßen – wir sind schließlich im CSU-Land Bayern –, zeigen Momentaufnahmen wie HERBST DER GAMMLER von Peter Fleischmann, in dem »brave und tüchtige« Leute auf Bürgerschrecks treffen. Ähnliche Reaktionen ruft auch ein Enfant terrible wie Herbert Achternbusch in seinem Umfeld hervor, wenn er mit einer ägyptischen Mumie zusammen den Fremdenführer gibt. Der bissige Satiriker Helmut Dietl lässt kein gutes Haar an der Schickimicki-Gesellschaft, deren Gast er schließlich auch selbst war. Auch das ist München: eine Stadt der Widersprüche. Eine Stadt der Geheimnisse? (Florian Widegger, Bernd Brehmer)

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